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Die deutsche Künstlerin Anne Imhof gewann den Goldenen Löwen für ihren Pavillon.

Biennale in Venedig

Medizin gegen die Destruktion

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Die Biennale Venedig ehrte die deutschen Künstler Anne Imhof und Franz Erhard Walther mit Goldenen Löwen

Mit Spannung erwartet werden bei den jeweiligen Kunst-Biennalen in Venedig nicht nur die Aktivitäten in den Länder-Pavillons(wir berichteten), sondern vor allem, wie sich der künstlerische Direktor mit seiner großen Schau im Zentralpavillon in den Giardini/ Gärten und in der Corderie/ Seilerei auf dem Arsenale-Gelände schlägt. Bei der vergangenen Esposizione Internazionale d’Arte war das Okwui Enwezor vom Münchner Haus der Kunst. Heuer stellte Christine Macel, im Pariser Centre Pompidou Konservatorin für die aktuelle Kunst, ihre Kompetenz der traditionsreichsten Weltkunstausstellung zur Verfügung. Die 1969 geborene Pariserin kennen die Münchner schon: Sie zeigte 2016 im Haus der Kunst die Sammlung des Centre Pompidou, die sich, noch bevor es Mode wurde, mit der sogenannten nicht-westlichen Kunst beschäftigte.

Darin ist Macel im Gleichklang mit Enwezor, auch jetzt bei der 57. Biennale. Die Französin ist jedoch wesentlich konsequenter. Wie bei Enwezors Documenta 11 (2002) rückversicherte er sich auch bei der 56. Biennale stets mit berühmten, „gängigen“ Namen. Er musste sich sogar von manchen Kritikern den Vorwurf gefallen lassen, er sei zu kunstmarktfreundlich, bevorzuge bestimmte Galerien. Dergleichen ist bei Macel wohl nicht vorstellbar. Mit ihrer munteren Rücksichtslosigkeit gegenüber potenziellen Spekulationsobjekten passt sie eher zu Kurator Massimiliano Gioni von 2013. Er packte „Arte“ enzyklopädisch an, und Macel tut das mit ihrem Motto „Viva Arte Viva“ für das künstlerische Weltenpanorama 2017.

Die Kuratorin gesteht erfrischend deutlich in ihrer Programmerklärung, dass für sie Kunst den Menschen zum Menschen mache und auch so etwas wie ein Allheilmittel gegen das Destruktive des Homo sapiens sei. Weil alle Menschen durch die Künste miteinander verwoben sind, ist es nur logisch, schöpferische Personen von den Niederlanden bis Neuseeland, von Pakistan bis Mexiko, von Deutschland bis Mali zu versammeln. Wer je in solchen Ausstellungen herumstrawanzt ist, weiß, dass einem dabei Nationalitäten sofort egal werden.

Christine Macel hat aber nicht nur diese Forts geschleift, sie tilgt genauso Altersgrenzen (wie schon einige vor ihr), und sie versucht, das Schott zu öffnen, das Gattungen und Arbeitsformen voneinander trennt. Das heißt bei ihr, dass sich nicht nur Verbindungen zur Musik, Poesie, zum Tanz, Theater, Film, zur Architektur herstellen lassen, sondern auch zum Handwerk, zum mündlichen Erzählen, zum Ritual. So ringen etwa Abgesandte der Huni Kuin in einem riesigen gehäkelten Zelt in der Corderie auf Einladung von Ernesto Neto um ihren und unseren (!) Amazonas-Regenwald. Das ist keine Performance, keine Fiktion, das ist gelebte Realitätsbewältigung. Unser Kunstbegriff umfängt sie lediglich – hoffentlich möglichst respektvoll, so wie vor gut 100 Jahren zum Beispiel die „Blauer Reiter“-Künstler unsere Volksfrömmigkeit umfingen.

Wie Penelope webt Macel ihr Geflecht, um es, wie jene, bald wieder aufzutrennen. Es ist ein Werden, Wandeln, Vergehen und Neu-Werden. Obwohl die Kuratorin ihre Exposition in neun Themen-Pavillons von „Künstler und Bücher“ über „Erde“ bis „Zeit und Unendlichkeit“ gegliedert hat, wird der Besucher in Wirklichkeit von den Fäden getragen, die sich zwischen Werken spannen. Maria Lais Buchzeilen in der Corderie sind Fäden, und sie bleiben stumm. Irma Blanks Buchzeilen in den Giardini sind mit dem Stift, ja, ebenfalls nicht geschrieben – und das Auf und Ab der zeichnerischen Linie bleibt natürlich stumm. Das Buch bekommt Aura und Geheimnis, wie es einem Menschheitsjuwel zusteht; passend zu der Bibliothek, in der die Leselieblinge aller 120 eingeladenen Künstler stehen.

Ein Spiel mit Architektur und Design

Hier findet sich außerdem eine Art Papiertheater des „Mondrian Fan Club“ und damit der dritte Fingerzeig von Macel, denn sie präsentiert viele Künstler und Arbeiten, die Bezüge zur Kunstgeschichte herstellen. Das mag Huguette Caland sein, die an Egons Schieles offensiven Eros anschließt, das mag Hajra Waheed sein, die selbstbewusst und zartfühlend an deutsche Romantik anknüpft, und das mag Franz Erhard Walther sein.

Er ist geradezu idealtypisch für Macels Suchraster; und so hat er auch den Goldenen Löwen gewonnen. Seine skulpturalen Objekte sind aus festem Stoff, spielen mit der Anmutung von Architektur und Design – und zitieren obendrein den Konstruktivismus. Apropos Preise: Anne Imhof und ihr Team – in unserer Zeitung schon hoch gelobt – bekamen den Preis für den besten Pavillon für ihr Gesamtkunstwerk „Faust“ im deutschen Haus.

Walthers Plastiken haben indes noch etwas, das die Biennale-Kuratorin bewegt: Mitmachpotenzial. Sie bietet in ihrer Schau da einiges. So kann jeder bei Olafur Eliassons Kunstkurs an Prismen aus Holzstäben samt grünen Lämpchen mitbasteln (Giardini), im Moment waren es vor allem Asylsuchende und Studenten. Dass es solche Prismen als Spielzeug zwischen Physik und Unendlichkeit schon in den Sechzigern gab, sieht der Besucher dann am Beginn der zweiten Ausstellungshälfte in der Corderie bei Rascheed Araeen. Er wie viele andere waren in den Sechzigern- und Siebzigerjahren kraftvolle Vorläufer von Kunstideen, die jetzt wieder mehr beachtet werden. Es ist besonders reizvoll, an wie viele Macel uns erinnert. Eine Zeitreise, die jüngere Künstler das Fürchten lehren kann. Aber Ehrfurcht ist ja nichts Schlechtes.

An ihrer Seite steht in der Kunst freilich meist der Humor. An der Abschlusswand der 316 Meter langen Corderie aus dem 16. Jahrhundert zeigt zum Beispiel Sheila Hicks mit riesigen Textilballen, wie man mit Farben kuscheln kann. Und Rachel Rose erzählt in ihrem Animationonsfilm im Zentralpavillon, wie ein Kinderbuch-Viecherl unsere Welt sieht und träumt. P.S.: Viele Performances, die in Venedig nicht ständig vorgeführt werden können, sind auf der Internetseite der Biennale zu sehen.

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