Zurück auf Los

München - Starkes Finale der Ära Peter Ruzicka: „Das geopferte Leben“ von Hèctor Parra bei der Münchener Biennale. Eine Premierenkritik - und eine Bilanz.

Irgendwann bringt es ja keinen Spaß mehr. Das coole, wahlweise hitzige Aufbegehren gegen die Alten, das Ablehnen, Bekämpfen, Ignorieren überkommener, angeblich verstaubter Regelwerke. Wer heute rebelliert, ist der Spießer von morgen: War ja früher alles doch nicht so übel, oder? Von daher überrascht die Entwicklung der Münchener Biennale keineswegs. Mit Peter Ruzicka, der 1996 als künstlerischer Leiter begann, wurde das Festival zum Klangsandkasten für die wilden Komponistenkinder. Auf der Suche nach der „Neuen Moderne“ driftete man ins „Alles geht“. Naturgemäß mit wechselndem Erfolg – und mit der lange nicht eingestandenen Gewissheit: Auch Musiktheater funktioniert ja nur mit festen, ewig alten Grundrezepturen.

Jetzt, am Ende der Ära Ruzicka, ist Bemerkenswertes passiert. So viel „klassisches“, schnell (er-)fassbares Musiktheater wie beim 14. Durchgang des Festivals war lange nicht. Auch so viel Tonalität, das Schreckgespenst der Avantgarde-Jünger. Zurück auf Los also? Und trotzdem war es eine Biennale der Grauwerte, ohne richtigen Höhepunkt, allerdings auch ohne echten, alles aufmischenden Aufreger. Mit älteren Meistern (Detlev Glanert, Dieter Schnebel), die sich noch nie als komponierende Speerspitzen begriffen haben. Mit einem alerten Polit-Musical-Mann (Samy Moussa). Und mit einem, der bei der Kammeroper doch nicht richtig aufgehoben ist (Marko Nikodijevi´c), eher beim rein Orchestralen.

Die stärksten Impulse kamen ohnehin von denen, die gar nicht da waren. Vom 2012 gestorbenen Biennale-Gründer Hans Werner Henze, der mit einem Konzert geehrt wurde. Und von Claude Vivier, der 1983 den Freitod wählte und dessen eigene Werke die hier uraufgeführte Oper über ihn geradezu vom Tisch wischte.

Doch dann dieses Finale. „Das geopferte Leben“ von Hèctor Parra – ein vor Toresschluss gerade noch uraufgeführte Versöhnungsaktion. Wieder ein Stück, das ohne Berührungsängste in die Vergangenheit blickt. Allein die instrumentale Besetzung: Freiburger Barockorchester und Ensemble Recherche reichen sich im Graben des Carl-Orff-Saales die Hand. Die unterschiedliche Stimmung (die Freiburger um einen Halbton tiefer) bleibt, ebenso die Konfrontation von alten und neuen Instrumenten, auch von Barockoper und Moderne. Die Stoffwahl, von Promi-Autorin Marie Ndiaye in ein Libretto gefasst und von Claudia Kalscheuer ins Deutsche übersetzt, erinnert an die Anfänge der Oper. Ein umgekrempelter Orpheus-Mythos: Der Mann kommt mit dem Tod aus dem Jenseits zurück zu Frau und Mutter. Sollte die Liebe einer der Frauen stark genug sein, zieht sich der Tod, hier eine koloraturensprühende, in Stratosphären singende Sopranistin, zurück.

Doch auch wenn sich die Mutter opfert, schlägt die Reanimierung der Vergangenheit fehl. Zu viel ist zwischen dem Mann und seiner Frau passiert. Was Regisseurin Vera Nemirova noch zwei, drei Umdrehungen weitertreibt. Der Tod, mal Geige oder Cello spielende Diva im Abendkleid, mal Dottoressa Mirakel, ist (auch) eine Affäre des Mannes. Vor langsam rotierender Drehbühne mit hässlicher Fototapete (Ausstattung: Stefan Heyne) werden nicht nur Szenen einer Ehe nebst Kopulationsgymnastik, sondern auch Traumata aus Mutter-Kind-Zeiten verhandelt. Mehr Groteske als Tragödie – Parras Neunzigminüter verträgt freilich diese Überwürzung.

Der Rückgriff auf die Vorklassik spricht fast aus jeder Partiturseite. Es gibt halsbrecherische Verzierungen, lange Koloraturstrecken, einmal auch ein kreisendes, nur von der Laute begleitetes Lamento. Aufgeraute barocke Harmoniewendungen paaren sich mit einer sehr avancierten, beide Orchester raffiniert nutzenden Musiksprache. Immer wieder verdichtet sich das Geschehen zu Arien-ähnlichen Nummern. „Das geopferte Leben“ würde auch mit zehn Minuten weniger gut funktionieren, nach der fesselnden Mann-Mutter-Auseinandersetzung kleckert das Stück etwas nach. Klangfantasie hat Hèctor Parra jedoch, vor allem aber schreibt er Stimmband-Maßanfertigungen. Alejandro Lárraga Schleske (Mann), Lini Gong (Tod), Sally Wilson (Frau) und Sigrun Schell (Mutter) vom koproduzierenden Freiburger Theater nutzen das für den besten Vokaleindruck der diesjährigen Biennale. Auch bei Dirigent Peter Tilling wird spürbar, wie begeistert sich hier ein Ensemble ein neues Stück zu eigen gemacht hat – mit guten Gründen.

Ein schöner Abschluss des Premierenreigens also. Und eine Uraufführung nach Plan für den scheidenden Peter Ruzicka. Tatsächlich geht da eine Ära zu Ende, begriff sich doch Ruzicka als eine Art Intendantensohn von Biennale-Gründer Hans Werner Henze. Der Umschwung freilich kommt keinen Festivaldurchgang zu früh. Lange schon schmort dieses weltweit einzigartige Festspiel im eigenen Saft. Ruzickas Nachfolger Daniel Ott und Manos Tsangaris, das ließen sie durchblicken, suchen schon nach neuen Spiel- und Präsentationsformen. Weg vom Kokon, in dem sich die Biennale mit jedem Durchlauf mehr eingesponnen hatte. „Außer Kontrolle“, das diesjährige Motto, könnte 2016 ja einen passenden Nachfolger-Slogan bekommen. Vielleicht „Raus ins Leben“.

Markus Thiel

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