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Beim letzten gemeinsamen Auftritt der Biermösl Blosn – Christoph, Hans und Michael Well (v.li.) – im Fürther Stadttheater war Gerhard Polt an ihrer Seite.

Biermösl Blosn: Der Abgesang

Fürth - Nun ist es also endgültig: Die drei von der Biermösl Blosn, für die meisten Bayern eigentlich unverzichtbarer Bestandteil ihrer Heimat, trennen sich. Der dreistündige Auftritt im Fürther Stadttheater am Mittwoch war ihr letzter gemeinsamer Abend.

Die Fürther Zuschauer konnten es kaum glauben, dass sie einer historischen Zäsur beiwohnten, dem Ende einer Ära. Sie hatten ja längst ihre Karten gekauft gehabt – das Januar-Heft der charmanten Neo-Rokoko-Spielstätte hat die beiden Biermösl-Polt-Abende bereits mit dem Wapperl „Ausverkauft“ angegeben. Und jetzt bemerkten die Menschen, dass sie dabei waren, etwas Exzeptionelles zu erleben. Vor Vorstellungsbeginn und in der Pause versicherte man sich immer wieder ungläubig dieses Ereignisses.

Vereinsamte Instrumente wird es zum Glück nicht geben, denn die Well-Brüder machen jeder für sich weiter mit ihrer Kunst.

In der Tat mochten es die Fans kaum glauben, dass nun das Ende da ist. Aber die vielen Fotografen, Kamerateams und das Medienecho im Vorfeld machten klar, dass es ernst wurde. Christoph (Stofferl) Well, der stets lange auf der Bühne bleibt, um seine Harfe zu betuttern, wurde fleißig um Autogramme gebeten. Er war erfreut und zugleich unsicher – war das der Abschluss? Dass die Brüder Hans (58), Michael (53) und Christoph (52) Well selbst das Definitive nicht so recht verinnerlicht hatten, bewies der Auftritt: das Programm eigentlich wie immer; man hatte sich kaum Gedanken gemacht, wie so ein Abschied ordentlich vonstattengehen sollte. Christoph machte zu Beginn, als er mit Michael sozusagen gschamig auf die Bühne schlüpfte, einen eher mauen Witz: Nachdem es in Fürth nix mit dem geplanten Museum der Bayerischen Geschichte geworden sei, wäre dieser besondere Biermösl-Blosn-Auftritt ein Ausgleichsgeschenk.

Dass die drei Well-Buam aber noch nicht zum musealen Bavaria-Exponat geworden sind, bewiesen sie danach mit ihrem singulären Musikkabarett – auf professionell hohem Niveau, ohne Sentimentalität. Wobei: Sie konfrontierten noch nie ihr Publikum mit glattem Perfektionismus, sondern bei allem frappanten Können stets mit einem Hauch von Hausmusik. Genau der ließ eine innige Nähe zu jedem Publikum zu. Sie waren weder die fernen Virtuosen (der Klassik) noch die durch-und-durch-gestylten Pop-Show-Figuren. Natürlich ist das Virtuosentum vorhanden – in Christoph Well, der einst bei den Münchner Philharmonikern spielte. Aber wenn er auf seiner Trompete zaubert, dann wird der sogenannte elitäre Musikgenuss in der Anmoderation mit einem Gschichterl geerdet. Da hat Mozart das Divertimento halt geschrieben, weil „eam d’Kutschn verreckt is“, als er an Hausen, der fiktiven Kabarettisten-Heimat, vorbeifahren wollte.

Solch einem Konzerterl stellt die Blosn jedoch in der Regel eines ihrer bayerischen Volkslieder voran. Die Strophenstruktur macht’s möglich, dass man immer etwas Aktuelles hinzuerfinden kann: Im Fall von Fürth wurde etwa „das Shopping-Mall-Bauerwartungsland“ sauber derbleckt. So etwas muss zwar vom Zettel abgesungen werden, weil gerade erst frisch von Hans Well gereimt, ist indes eine Reverenz an die jeweiligen Zuschauer. Und die fühlen sich in ihrem Alltag wahrgenommen – lachen und jubeln entsprechend. Dieses seit 1976, als die drei Burschen aus Günzlhofen das erste Mal auf der Kleinkunstbildfläche erschienen, nie versiegende Gfui fia d’ Leit ist ein Geheimnis der Kunst der Biermösls.

Auch die anderen Geheimnisse treten einem an diesem Abend im Fürther Stadttheater immer wieder – schmerzlich – vor Augen. Denn das, was einem seit 35 Jahren zu etwas Vertrautem, wenn auch zum stets bewunderten, geworden ist, sieht man jetzt anders: als baldigen Verlust – obwohl die Brüder zum Glück weiterarbeiten. Michael und Christoph Well zunächst ab 5. Februar an den Münchner Kammerspielen zusammen mit anderen der 15 Geschwister Well in der musikalischen Produktion „Fein sein, beinander bleibn“, und Hans Well zum Beispiel mit Dieter Hildebrandt (10. Februar, Gymnasium Stein, Traunstein). Trotzdem wird dieses intim verzahnte, musikalisch-musikantische Zusammenspiel, die Lockerheit im Reich der Töne im Verein mit lustigen bis scharfen, ja saugscherten Texten nie mehr so zu erleben sein.

Auch nicht der Wirbel an Musikinstrumenten, die fast alle samt ihren Kästen in Fürth auf der Bühne waren: von der Bach-Trompete bis zum Dudelsack, von der Ziehharmonika bis zum Leierkasten, von der Riesentuba bis zur Querflöte. Und wenn die drei bei der x-ten Zugabe – Standing Ovations und rhythmisches Klatschen wechselten sich im Stadttheater ab – ihre Alphörner („Gigaliner der Stubnmusi“) in die Zuschauerreihen schieben und sich von der Alm-Idylle in den Jazz blasen, dann bäumt sich der Abschiedsschmerz heftig auf. Gerade weil die Biermösl Blosn es verstand, andere in ihr Konzept zu integrieren – und sich selbst integrieren zu lassen. In Fürth erleben wir die Brüder das letzte Mal mit Gerhard Polt, der in ihrer Mitte nicht nur sein Kabarett bietet, sondern musikalisch aufblüht. Er darf ein bissl Percussion machen, mehr noch: Er ist zum hinreißenden Sänger gereift. Sein spanischer Herzensschrei und das afrikanische Lebenslied (mit sexy Hüftwackler!) haben in der leichten Fürther Trauer-Stimmung das Trübste aufgehellt. Wie überhaupt Polts Bayerntypen-Parade die Melancholie kraftvoll ausbremste.

Mag diese Zusammenarbeit die dominanteste geworden sein, so darf man nicht vergessen, dass sich der Biermösl Blosn unter Intendant Dieter Dorn die Türen zu den Münchner Kammerspielen geöffnet hatten und sie Teil der legendären Kabarettstücke „München leuchtet“, „Diridari“ und „Tschurangrati“ wurden. Von dem Eingebundensein in einen dramaturgischen Rahmen, in ein dramatisches Erzählen hat die Biermösl Blosn viel gelernt für ihre eigenen Solo-Auftritte. Genauso wie sie mit den Toten Hosen lässig kooperieren oder in ihren Programmen von der Volksmusik über die Klassik bis hin zur sakralen Musik alles bieten konnte.

Deswegen wird das Trio als mehrfacher Brückenbauer in die Geschichte Bayerns eingehen: Es führte die Volksmusik mit Leidenschaft und Witz in eine vitale Zukunft (kein Museum – kein Kitsch) und inspirierte damit zahllose Gruppen und Sänger. Es lockte konservatives Publikum zur knallharten und dennoch vielbelachten CSU-Satire – was nur wegen der Volksmusik gelang. Es brachte Bierzeltgeher ins Theater, und Theaterfans ins Bierzelt.

Auch wenn das Fürther Publikum das Ende des letzten gemeinsamen Auftritts wacker hinauszögerte, es kam. Oberbürgermeister Thomas Jung bedankte sich für die vielen Gastauftritte – auch mit einem gscheitn Bier. Und in der allgemeinen Verlegenheit thematisierte Hans Well doch noch ernsthaft die Trennung, bedankte sich „in aller Öffentlichkeit ganz privat“ bei seinen Brüdern, dass sie „meine oft holprigen Texte professionell“ über die Rampe gebracht hätten, außerdem „beim Gerhard“ und dem Publikum. „Schau ma, wia’s weidergeht.“

Die „heile Welt“ des Kabaretts, der Familie, der Kabarett-Familie, die für uns die Biermösl Blosn 35 Jahre scheinbar unerschütterlich repräsentierte, ist zerbröckelt. Gerhard Polt half uns am Schluss in Fürth mit seinem sprühenden Afrikasong „Aweee mambeleee“, bei dem alle mitsingen durften, über diese Erkenntnis hinweg.

Simone Dattenberger

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