Bikinis am Berg

- Ein bisschen mulmig kann einem da schon werden: Im Eingang zum Tollwood-Opernzelt bekommt der Besucher einen Rotkäppchenmäßigen Picknickkorb in die Hand gedrückt, als müsse er sich gleich auf eine Konfrontation mit dem bösen Wolf gefasst machen. Und im Inneren ist die Speise an Fernsehköchin Sarah Wieners "Wald-Bankett" so reichlich, dass man befürchtet, man solle in der zwei Stunden später sich anschließenden Oper "Hänsel + Gretel" der bösen Hexe ebenfalls zum Fraß vorgeworfen werden.

Aber dann kommt alles anders. Hänsel und Gretel stehen wie einst Himpelchen und Pimpelchen auf einem Berg, die böse Hexe ist eine rothaarige, blutverschmierte Domina im aufblasbaren Riesenbaiser statt im Lebkuchenhaus, und das Waldpilzgelee im Vorspeisen-Picknickkörbchen darf man ohne Wolf verschmausen.

Augen zu, Kinder! Denn die Vorstellung ist zwar ab sechs Jahren freigegeben, jedoch nicht geeignet ­ oder die Eltern müssen erklären, warum sich zwölf (?) "Engel" in roten Bikinis die Beine rasieren, wieso Hänsels Vater aufdringlich an Gretels Mutter knuspert und vor allem: Warum nach dem Tod der Hexe doch nicht alles in Zuckerguss ist, die armen Kinder stattdessen weiter unter der Tyrannei ihrer Eltern leiden müssen.

Mutige Musik-Bearbeitung

"Das Hexeneinmaleins der Verführung", so der Untertitel, hat Regisseur Sebastian Hirn neben mancher netten Spielerei ­- herausgefordert von Bernhard Hammers wuchtigem Bergmassiv als multifunktional effektvoller Spielfläche ­- auch zu mancher verzichtbar psychoanalytischer und soll-erotischer Eigensinnigkeit verführt.

Indessen: Ohren auf! Denn in Helga Pogatschars mutiger musikalischer Bearbeitung der Humperdinck-Oper kann man unter anderen verspielte Blockflöten, ein tänzerisches Akkordeon, ein feierliches Harmonium, ein vergnügtes Cimbaly-Hackbrett und eine jammernde Klarinette erleben. Mit Witz statt pathetischem Pomp liefern unter der Leitung von Eva Pons elf Musiker ein vielfältiges, multikulturelles Charakterisierungs-Potenzial.

Dazu gesellt sich manch sängerische Qualität, wenn auch in der Zelt-Akustik gnaden- wie nuancenlos verstärkt. Vor allem die jungen Sängerinnen Iris Julien und Aki Hashimoto zeigen als Geschwisterpaar beachtliche Brillanz, Harmonie und -­ bei allem flinken Geklettere -­ Kondition; Yo Chan Ahn erfüllt den unbarmherzigen Vater mit unerbittlich sattem Bariton. Übrigens kann man die Tollwood-Produktion natürlich auch ohne Sarah Wieners Bio-Menüfolge von Wildschwein bis Saibling verfolgen. Doch dem Märchen-Genießer sei‘s als dringende inhaltliche Nahrungsergänzung empfohlen, und spätestens die Lebkuchenmousse hilft dann auch bei der Versöhnung mit Berg, Baiser und bangem Ende.

Bis 31. Dezember. Karten: 0700/ 38 38 50 24; www.tollwood.de.

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