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Die beste Produktion des Festspielsommers blieb der Bayreuther „Tannhäuser“ in der Regie von Tobias Kratzer.

VERGLEICH BAYREUTH-SALZBURG

Zwischen Schwächeanfall und Strahlkraft: Bilanz des Festspielsommers

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Nur eine Inszenierung brauchte es, um Salzburg zu beschatten: Mit dem neuen „Tannhäuser“ hat Bayreuth im Vergleich zur Konkurrenz die Nase vorn.

Bayreuth/Salzburg - 85 Jahre jung ist dieser Mann, trägt noch immer Weihnachtsmannbart und Wuschelfrisur, springt aufgekratzt zum Schlussbeifall auf die Bühne der Felsenreitschule und ist so etwas wie Salzburgs Festspielretter. Ohne Achim Freyer, ohne seine Inszenierung von Enescus „Œdipe“, sähe die diesjährige Bilanz reichlich mau aus. Mit ihm, dem nur vermeintlich naiven Bilderspieler, der seit Jahrzehnten dieselben Regie- und Ausstattungskniffe anwendet, mit diesem sinnlichen Altmeister hatten wohl die wenigsten gerechnet.

Nach zwei Spielzeiten, in denen Salzburgs Intendant Markus Hinterhäuser das Festival zurück auf Kurs gebracht hat mit zum Teil heftig diskutierten Produktionen, ist ihm heuer ein Durchhänger passiert. Nicht jede Saison, schon klar, kann ein Brüller werden. Und vielleicht, das spräche für Hinterhäuser, hat er nur Luft geholt für den 2020er-Aufschlag, wenn die Festspiele 100. Geburtstag feiern.

Zugleich kristallisiert sich heraus: Dass Hinterhäuser an seiner Künstlerfamilie festhält, wird auch zum Problem. Über Peter Sellars, man sehe nur Mozarts „Idomeneo“ in einer ritualhaften, hilflos-gesellschaftskritischen Inszenierung, ist die Zeit hinweggegangen. Dirigent Teodor Currentzis, der 2020 in Salzburg mit „Don Giovanni“ seinen Mozart-Zyklus fortsetzt, droht die extremistische Beliebigkeit. Simon Stone, an der Salzach schon mit einer leidlich akzeptablen szenischen Lösung für Reimanns „Lear“ aktiv, hat sich bei Cherubinis „Medée“ in den Hyperrealismus verrannt. Und über Andreas Kriegenburgs kleingeistige Realisierung von Verdis „Simon Boccanegra“ breitet man lieber den Mantel des Schweigens. Zählt man Romeo Castellucci hinzu, dessen grandiose „Salome“ von 2018 wiederaufgenommen wurde und dessen Rätsel-Arbeiten ansonsten autistisch gefährdet sind, wird klar: Hinterhäuser bräuchte eine Öffnung, einen Mutanfall für andere szenische (und musikalische) Lösungen.

Salzburg setzt Mozart-Zyklus fort

Was man allerdings aus Salzburg hört, spricht nicht unbedingt für den offensiven Gestalter. Neben dem „Don Giovanni“ gibt es wohl die Wiederaufnahme der umstrittenen „Zauberflöte“ von Lydia Steier, Michael Sturmingers „Tosca“ als Übernahme von den Osterfestspielen und als Bühne für Anna Netrebko, Nonos „Intolleranza“ mit Dirigent Ingo Metzmacher sowie immerhin Mussorgskys „Boris Godunow“ mit Mariss Jansons am Pult und inszeniert von Christof Loy.

Doch noch immer sind nicht alle Premieren festgeklopft. Angeblich ist nicht einmal klar, wer die Titelrolle in einer ebenfalls geplanten „Elektra“ singen soll. Hinterhäuser mag als genuiner, nachdenklicher Musiker kein Managertyp sein. Doch stellt sich langsam die Frage, was nach 2020 passiert, wenn ihm Helga Rabl-Stadler nicht mehr den Rücken freihalten kann. Die Festspiel-Präsidentin will dann endgültig aufhören, schon jetzt kursiert in Salzburg Plan B: Und wenn man sie nochmals schön bittet?

Enescus „Oedipe“ mit Christopher Maltman rettete die Salzburger Festspiel-Ehre.

Bezeichnend ist, dass eine einzige, andernorts herausgekommene Inszenierung vieles aus Salzburger Fertigung überstrahlt hat. Und dies, obgleich die Bayreuther Festspiele keine echte Konkurrenz sein können: Bis auf die „Ring“-Jahre (wie 2020 wieder) gibt es pro Saison nur eine Neuheit. Heuer war das der „Tannhäuser“ – die beste Festspielproduktion dieses Sommers.

Nun ist Tobias Kratzer, der aus der Minnesänger-Saga ein humorvolles, berührendes Road-Movie machte, schon seit einiger Zeit auf dem Regie-Markt aktiv. Trotzdem war es mutig von Intendantin Katharina Wagner, dem Münchner nicht nur das Festspielhaus zu überlassen, sondern gleich noch den Park fürs Pausenprogramm. Die Zeiten, als Wagnerianer ob solcher Ideen Schnappatmung bekamen und zu Betablockern griffen, scheinen vorbei: Kratzer wurde, bis auf einige Buh-Produzenten, gefeiert.

Krisenmanagement und Höchstrisiko in Bayreuth

Dabei besteht Katharina Wagners Bayreuther Tätigkeit vorwiegend aus Krisenmanagement. Immer wieder kommen ihr Regieteams abhanden. Auch weil es offenkundig falsche gegenseitige Erwartungen und Einschätzungen gibt – nicht immer ist Bayreuth also unschuldig an den Absagen. Und dennoch: Die Komponisten-Urenkelin sucht die Herausforderung. Natürlich hätte man den neuen „Ring des Nibelungen“ 2020, nach Trennung von Regisseurin Tatjana Gürbaca und Dirigent Daniele Gatti, Künstlern wie Robert Carsen und Axel Kober anvertrauen können. Die hätten nichts anbrennen lassen. Und jeder hätte vorhersagen können, wie alles aussieht und klingt. Aber brauchen Festspiele das?

Dass Katharina Wagner nun das Höchstrisiko eingeht und auf Neulinge vertraut, auf Dirigent Pietari Inkinen und Regisseur Valentin Schwarz, kann ein Tanz auf (zu) dünnem Eis werden. Oder eben der Aufreger im besten Sinne. Eine Künstlerwahl übrigens, die an eine Tat ihres Vaters Wolfgang Wagner erinnert, der für den „Ring“ einst Patrice Chéreau und Pierre Boulez auf den Grünen Hügel holte. Damit ist nicht gesagt, dass ein neuer „Jahrhundertring“ bevorsteht. Aber angesichts der an der Salzach geplanten Produktionen steht fest: Gegen die Bayreuther Aufmerksamkeitsoffensive wird es Salzburg im Jubiläumsjahr sehr, sehr schwer haben.

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