Bilanz der "Klassiker"

Letzter Auftritt des Alban Berg Quartetts: - War's das? Womöglich ein letztes Mal hat man die vier nun in München erlebt. Denn Mitte 2008, so hat es Primarius Günter Pichler angekündigt, will das Alban Berg Quartett Schluss machen. Der "Klassiker" unter den Kammermusik-Formationen, an dessen Beethoven-, Mozart- und Schubert-Einspielungen sich alle Kollegen messen lassen müssen, nicht mehr aktiv? Eigentlich undenkbar.

Und doch trug das Programm im Herkulessaal alle Züge einer Bilanz: Beethovens Opus 130 mit der "Großen Fuge" op. 133, vom Alban Berg Quartett oft und maßstabsetzend aufgeführt, davor Wolfgang Rihms "Grave", das der Komponist als Reaktion auf den Tod des früheren Bratschers Thomas Kakuska komponiert hatte. Es wurde der bewegendste Moment des Abends, die geschlossenste Interpretation.

Ein stetes Innehalten und wieder Aufraffen ist dieses Adagio, eine melancholische, manchmal brodelnde Überbrückung von Stille-Inseln. Störmomente bis zum bohrenden Geräusch gibt es, und doch scheint sich der Satz nach Friedvollem zu sehnen -­ vom Alban Berg Quartett mit großer Intensität und gehaltvollem Klang realisiert. Viel überzeugender jedenfalls als Haydns eröffnendes "Vogelquartett". Erwartungsgemäß missbrauchten die "Bergs" die Naturlaute nicht als Effekt, begriffen sie vielmehr als strukturelle Zutat. Problematisch allerdings die gewagte, scharfe Intonation vor allem von Günter Pichler.

Ein Störmoment, unter dem auch Beethovens Opus 130 litt. Die Risikolust, die Expressivität, mit der sich das Berg Quartett in dieses Spätwerk stürzt, ist noch immer entwaffnend. Eine symphonische Fülle, eine extreme Konturenschärfe zeichnet diese Deutung, die sich ­ auch beim "deutschen Tanz" ­, nie anbiedert, sondern immer intellektuelles Ereignis bleibt.

Beethovens Spätwerken ist die Unspielbarkeit ja einkomponiert. Ähnlich wie bei der Missa Solemnis, durch die kein Chor ohne blutende Stimmbänder kommt, verweigert sich auch die "Große Fuge" der souveränen Bewältigung. Ob sich der Meister allerdings vorgestellt hatte, dass bei einem derart wilden Zugriff so viele Späne fallen? Heftiger Applaus, viele Bravi. Da hatte man den unverzeihlichen Fauxpas von Cellist Valentin Erben schon wieder vergessen: Mitten im Rihm bimmelte sein Handy ­- letzte Ratschläge des Komponisten?

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