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Bilder, Bücher, Nippes - "Parrworld" im Haus der Kunst

München - Er hat einen untrüglichen Instinkt fürs Skurrile. Deswegen fischt er mit seiner Kamera all die komischen Verwerfungen aus unserem Alltag. Deswegen kann Martin Parr auch nicht an Kuriositäten vorbeigehen.

Was sich in seinem Schleppnetz verfangen hat, zeigt nun das Münchner Haus der Kunst konsequenterweise unter dem Titel "Parrworld".

Parr, 1952 in der Nähe von London geboren, hat zugleich einen untrüglichen Instinkt für gesellschaftliche und kulturhistorische Aussagen. Deshalb ist für ihn Fotografieren eine Art von Sammeln. Ihn interessiert nicht eine "reine", distanzierte Kunst, sondern das Dokument, in dem sich ein Stückchen Zeitgeist manifestiert. Daher ergibt die Mischung aus verrücktem Nippes, Postkarten, international hochkarätigen Fotografien, einer profunden, bibliophilen Sammlung von Fotobüchern sowie seiner eigenen aktuellen Serie über die globale Neureichenkaste, "Luxury" genannt, in der Ausstellung ein sinnvolles Ganzes. Weil das Satirische, das Gesellschaftspolitische dort fast immer den Betrachter stimuliert.

Der steigt schon gleich erheitert die Treppe zur Südgalerie empor, weil da die Wand mit schrillen Tabletts verziert ist. Fotos als Dekor kommen plastikbunt zum Tragen - zwischen der jungen Queen Elizabeth und sterilen Früchtearrangements. Auf der anderen Seite die Postkarten, für Parr "die demokratischste Form der Fotografie". Die typischen Touristen-Grußkarten hängen neben bereits dokumentarisch wichtigen, alten Aufnahmen von Erdbeerpflückerinnen oder Fischern. Unfälle wurden ebenso als bemerkenswert abgelichtet wie tote Wale oder Elefanten. Mit völlig schwarzen Karten und Titeln wie "Dover. By Night" hält auch hier die Gaudi Einzug.

Die begrüßt einen bei der Objekt-Welt von "Parrworld" mit einer megagroßen Chipstüte, natürlich schön ordentlich museal in einer Extra-Vitrine geborgen. Dahinter blicken Stalin, Mao und Saddam Hussein von Armbanduhren und Weckern, während Maggie Thatcher in eine groteske Teekanne verwandelt wurde.

Fotograf Martin Parr als Sammler

Kaufhaus-Skulptur wird ebenfalls politisch: Der Seeadler, Wappentier der USA, greift sich wahlweise Osama bin Laden oder Saddam. Im Ausgleich dazu erfreut Martin Parrs Sammlung von internationaler Fotografie mit Topqualität, die in der Schau stets ergänzt wird durch die Fotobücher.

Da tritt neben Cartier-Bressons berühmtes Werk einer schlichten 1938er-Idylle, "Sonntag an der Marne", Joan Fontcubertans Googlegramm "Abu Ghraib" von 2005, das sich aus über 10 000 Bildern zusammensetzt. Die Namen der Beteiligten an der FolterUntersuchungskommission wurden in die Internet-Suchmaschine eingegeben und die Ergebnis-Flut zum Mosaik der bekannten Erniedrigungs-Szene montiert. Eine Entdeckung ist ebenso die Reihe von Fotografien japanischer Kollegen. Asako Narashis oder Rinko Kawauchis albtraumhafte Härte scheinen Parr fasziniert zu haben.

Bevor dann der Besucher dessen Kollektion britischer Fotos begutachten kann, kommt noch der Fotograf Martin Parr selbst zu seinem Recht. Auf zartrosa Wänden sind die neuen Arbeiten zu sehen. Mit "Luxury" ist das Magnum-Mitglied dem schnellen Geld in Moskau, Dubai, Durban oder München auf der Spur. Unschwer merkt man, dass Luxus Langeweile bedeutet: Fressen, Saufen, Klunker, Klamotten, Karriere und fürs Herz Haustiere und Autos. Das Ergebnis: nichtssagende Gesichter, Personen, die nicht interessieren.

Parr musste schon seine ganze Kunst aufwenden, um spannende Aufnahmen zustande zu bringen. So rücken bei der Moskauer Modewoche unversehens die Tiere, die als Accessoire dienen, in den Vordergrund. Oder Parr lässt im Münchner P1 Paris-Hilton-Clone in läppischen Dirndl-Karikaturen samt Jüngelchen in Lederhosen zu einer Personenkonstellation erstarren, die eines Barockgemäldes würdig wäre. All diese Werke sind - trotz Menschenabbildern - im Grunde Vanitas-Stillleben, die scharf an die Vergänglichkeit mahnen.

Großartig gelingt der Kontrast zu den Aufnahmen des Ausstellungsteils mit britischer Fotografie, zum Beispiel zu Chris Killips Porträts von armen Leuten aus den 70er-, 80er-Jahren. Durch den Schock-Unterschied wird klar: Das sind Gesichter, Menschen, Individuen.

bis 17. August, Tel. 089/ 211 27 113.

www.hausderkunst.de

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