Bilder aus der Provinz

- "Zurzeit spreche ich Jiddisch, ich habe das Deutsche verlernt, um die Sprache von Moyshe, meines in Auschwitz ermordeten Großvaters, zu lernen. Dennoch spreche ich die Sprache von Goethe und Goebbels gut. Mein Großvater väterlicherseits war Deutschlehrer." - Gilles Rozier, der exzellente Kenner deutscher Literatur, ist Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris.

<P>Und er ist der Autor des soeben erschienenen kleinen Romans "Eine Liebe ohne Widerstand". Ein Buch, das im vergangenen Jahr in Frankreich gewisse Furore gemacht hat. Denn hier wird ein Thema aufgegriffen, das im Land der Résistance lange als Tabu galt: das Fraternisieren französischer Frauen mit den deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs.<BR><BR>Gilles Rozier bindet die Geschichte, die in den 40er-Jahren in einer französischen Kleinstadt spielt, in einen aktuellen Rahmen. Der Ich-Erzähler lädt sozusagen den Leser zum Tee und "zeigt" ihm ein Familienfoto: die Mutter, seine Schwestern Isabelle und Anne und natürlich er selbst. </P><P>Fotograf der Aufnahme, klärt uns der Erzähler auf, war Volker Hammerschimmel, ein deutscher SS-Mann, der Liebhaber Annes. Der ging ein und aus in dem Haus, in dem die Familie damals wohnte, in dem die resolute Mutter das Regiment führte, die aber eisern dazu schwieg und darüber hinweg sah, dass sich ihre liebestolle Tochter Anne mehrfach am Tag dem Deutschen hingab, dass die Wände wackelten.<BR><BR>"Sie glich ihrem Land: leicht zu haben", urteilt der Autor und Ich-Erzähler, und es liegt auch Mitleid in diesem Satz. So wie überhaupt die Grundstimmung des Romans nicht Hass oder Verachtung sind, sondern Liebe und Erbarmen in einer erbärmlichen Welt. Das wird gleich zu Beginn des Romans vermittelt, wenn der Leser erfährt, dass nach der Befreiung wegen Einlassung mit dem Feind die nackte Anne mitten auf der Straße geschoren und unter dem Beifall der Menge vom Nachbarn vergewaltigt wurde.<BR><BR>Die Geschichte, die Gilles Rozier nun zu erzählen beginnt, indem er eintaucht in die Erinnerung an jene Kriegsjahre, ist so unglaublich kolportagehaft, wie es nur das Leben selbst sein kann. Auf der einen Seite die schändliche, vaterlandslose Leidenschaft seiner Schwester zum SS-Mann Volker; auf der anderen der Ich-Erzähler selbst, der ja auch geprägt ist durch eine deutsche Liebe: "Ich unterrichte Deutsch, ein schöner Beruf. . . </P><P>Ich liebte die deutsche Literatur." Und er liebte einen polnischen Juden, den schönen jungen Schneider Hermann, den er vor dem Abtransport ins Vernichtungslager retten kann. Im Keller des Elternhauses, hinter der Bibliothek der verbotenen Bücher, hinter Lessing, Heine, Thomas Mann, fristet der Flüchtling eineinhalb Jahre lang die öden, einsamen Tage und genießt in höchster Lust zusammen mit seinem Retter die Nächte, diesen sich immer wiederholenden Tanz auf dem Vulkan.<BR><BR>So malen diese Erinnerungen nicht nur ein ungeschöntes Bild von der französischen Provinz jener Zeit, von Anpassung, Judenhass und Kollaboration sowie von der Schwierigkeit oder auch dem glücklichen Zufall, dennoch ein anständiger Mensch geblieben zu sein. Dieser Roman ist auch das anrührende Denkmal einer Liebe, an deren Ende der Tod stand. </P><P>Gilles Rozier: "Eine Liebe ohne Widerstand". <BR>Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. <BR>DuMont Verlag, Köln.<BR>167 Seiten, 16, 90 Euro.</P>

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