Der Bilderhändler

München - Konrad O. Bernheimer über das 150-jährige Bestehen seines Hauses, alte Zöpfe und den Wandel des Kunstmarkts - ein Interview.

„Gleich kann es losgehen“, ruft Konrad O. Bernheimer, als er in seine Galerie an Münchens Brienner Straße kommt. „Aber kann ich vorher noch einen Meterstab haben?“ Bernheimer, 1950 in Venezuela geboren, misst selbst nach, wie hoch welches Bild und welcher Teppich hängen muss, um perfekt zu wirken. Gerade wird in den Räumen die Ausstellung zum 150-jährigen Bestehen des Unternehmens aufgebaut; Vernissage ist heute Abend. Bernheimer leitet das Haus in der vierten Generation. Er ist jedoch der Erste, der mit Alten Meistern handelt. Dann bittet er in sein Büro, nimmt hinter einem imposanten Schreibtisch Platz – und erzählt so spannend wie anschaulich über das „Leben einer Kunsthändlerdynastie“, das er in seinem Buch „Narwalzahn und Alte Meister“ aufgeschrieben hat.

Kompliment! Auch wenn man mit seinem Beruf zufrieden ist, will man nach der Lektüre Ihres Buches unbedingt Kunsthändler werden…

Konrad O. Bernheimer (rechts) im Gespräch mit Merkur-Kultur-Chef Michael Schleicher.

Lassen Sie es uns so machen: Sie werden Kunsthändler, ich übernehme Ihren Job. (Lacht.) Mir hat das Schreiben schon immer Spaß gemacht – bislang habe ich mich auf kunsthistorische Texte konzentriert. Doch auch bei der Beschreibung von Kunst ist es mir wichtig, lebendig zu formulieren. Viele Kunsthistoriker machen den Fehler, viel zu kunsthistorisch zu schreiben. Das konnte man auch jetzt bei vielen Literaturwissenschaftlern feststellen, die zu Shakespeares 450. Geburtstag veröffentlicht haben. Oder bei Musikwissenschaftlern: Manche schreiben so öde über Mozart, dass man verzweifeln könnte. Als Kunsthändler bewege ich mich nicht im luftleeren Raum: Der Text zu einem Bild soll dem letzten Ziel dienen, dem Verkauf. Ich will den Blick darauf lenken, warum ein Bild gut ist.

Wann ist das der Fall?

Der Spruch meines Großvaters Otto Bernheimer gilt nach wie vor: „Sind Hintergrund und Kleinigkeiten gut, ist meist das Werk gut.“ Lenbach hat zum Beispiel nicht auf Details geachtet. Deshalb ist er unterm Strich auch kein ganz großer Künstler. Schauen Sie sich dieses Bild von Rubens an (Bernheimer zeigt eine Abbildung des „Porträts eines jungen Mannes“; Anm. d. Red.), decken Sie alles bis auf die Hand ab – sie scheint immer noch zu leben. Dagegen die Hände meines Urgroßvaters auf dem Porträt von Lenbach: g’schlampert. Aber das war ihm wohl nicht wichtig. Vielleicht hätte er es besser gekonnt.

Sie schreiben nicht nur über Kunst, Sie erzählen auch von der 150-jährigen Geschichte Ihres Hauses und von sich selbst: Etwa wie Sie als 32-Jähriger einen 25-Millionen-Mark-Kredit aufgenommen haben, um die Familienmitglieder auszubezahlen.

Das war schrecklich. Aber ich wusste: Wenn ich das nicht tue, habe ich keine Chance. Ich wurde 1977 mit zarten 26 Jahren Geschäftsführer, hatte aber nur einen Anteil von 9,25 Prozent: Eine unmögliche Ausgangssituation, um eine Firma zu führen. Ich musste für jede größere Entscheidung – und dazu zählte bereits der Ankauf eines Objektes über 50 000 Mark – die Gesellschafter einberufen. Das geht nicht, schon gar nicht im Kunsthandel, wo man etwa bei Auktionen gezwungen ist, schnelle Entscheidungen zu treffen. Wollte ich bleiben, hatte ich keine Wahl, als die Struktur zu ändern und die Mitgesellschafter auszubezahlen.

Wie lange hatten Sie schlaflose Nächte?

Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass die Tendenz zu Optimismus oder Pessimismus an Deformationen in bestimmten Gehirnregionen festzumachen ist. Bei mir scheint die Deformation zum Optimismus stark ausgeprägt zu sein. Ich war von dem überzeugt, was ich tun wollte und musste, und war mir sicher, dass ich es hinbekomme.

Stichwort: tun müssen. Sie haben sich nach und nach von den traditionellen Geschäftszweigen des Antiquitäten- und Einrichtungshauses Bernheimer getrennt. In der Jubiläumsausstellung zeigen Sie jetzt auch Objekte aus diesen Bereichen und verbeugen sich so vor der Tradition.

Ich bin aufgewachsen in der Teppich- und Tapisserie-Tradition meines Großvaters, der war ja in erster Linie ein Textilmensch. Wir hatten unsere kleinen Kämpfe: im Vorfeld der wöchentlichen Besuche in den Münchner Museen. Der Großvater wollte immer mit mir ins Nationalmuseum, ich in die Pinakothek. Mich haben schon als Bub Bilder mehr interessiert als das Mobilar. Manchmal hat der Großvater gewonnen – manchmal ich. Jetzt ehre ich die Vergangenheit, indem ich Dinge zeige, mit denen Bernheimer gehandelt hat: Teppiche, Tapisserien, Möbel, Porzellan, Majolika. Ich bin zwar die vierte Generation, aber ich bin der erste Bilderhändler.

Vermissen Sie das Bernheimer-Angebot von einst?

Es passt nicht mehr in die Zeit. Wenn ich so etwas wie einen „richtigen Riecher“ hatte, war es zu erkennen, wohin die Reise geht. Ende der Siebzigerjahre war mir klar, dass wir auf dem Gebiet der antiken Teppiche keine Zukunft haben. Das war eine Entscheidung, die an die Wurzeln des Hauses ging. Oder auch als ich in den Achtzigern entschieden habe, mit dem Einrichtungsgeschäft ganz aufzuhören, das ja mit dem Stoffhandel zusammenhing. Das war ein Sakrileg, denn der Urgroßvater und der Ururgroßvater kamen ja von den Stoffen her. Hätte ich aber diese Zöpfe nicht abgeschnitten, wären wir irgendwann untergegangen. Dazu gehörte auch die Entscheidung, mich vom Haus am Lenbachplatz zu trennen. In dessen Dimensionen konnte man keinen normalen Handel betreiben. Aber natürlich war das emotional nicht einfach.

Bleiben wir bei Emotionen: Wie sehr muss man als Kunsthändler Sammler sein, um Erfolg zu haben?

(Lacht.) Ich misstraue jedem Händler, der nicht vom Sammel-Bazillus angesteckt wurde. Jeder Verkauf ist der Triumph des Händlers über den Sammler in sich selbst – und umgekehrt.

Denken Sie manchmal darüber nach, nicht nur Alte Meister anzubieten?

Immer wieder. Meine Tochter Blanca macht das erfolgreich mit Fotografie. Das 150. Jubiläum ist auch ein Anlass, um zu überlegen: Wie können wir uns neu definieren? Deshalb will ich nichts ausschließen. Womit ich aber nicht handeln werde, ist manches Zeitgenössische, weil mir das fremd ist. Die Kunst, mit der ich zu tun haben möchte, muss mich persönlich überzeugen.

Das Angebot im Bereich Alte Meister schrumpft.

Das ist unser größtes Problem.

Wie kommt man noch an die immer seltener angebotenen Spitzenwerke?

Da helfen uns die alten Namen Bernheimer und Colnaghi in London (Bernheimer erwarb die Galerie 2002; Anm. der Red.). Uns wird mit Sicherheit mehr und Bedeutenderes aus Privatsammlungen angeboten als vielen meiner Kollegen.

Wenn Sie zurückblicken auf den jungen Konrad O. Bernheimer, der bei Christie’s in London gelernt hat, was würden Sie ihm raten?

Das ist schwierig, denn jeder muss selbst entdecken, in welche Richtung er sich entwickeln möchte. Ich kann nur zurückblicken und fragen, was ich selbst hätte anders machen müssen: Vielleicht hätte ich in der Umwandlung meines Geschäftes schneller sein sollen. Ich habe von 1977 bis 1987 gebraucht, bis ich begriffen hatte, dass ich auch den letzten Zopf abschneiden und das Haus verkaufen muss, um nicht von der überbordenden Architektur erschlagen zu werden.

Wird eine Ihrer Töchter das Geschäft mit den Alten Meistern eines Tages weiterführen?

Nein. Das muss zur Fortführung unserer Tradition auch nicht sein. Ich bin hochzufrieden, dass Blanca auf dem Gebiet ihrer Wahl, der Fotografie, den Namen weiterführt. Damit steht sie in der Tradition der Familie: Jede Generation hat etwas Neues gemacht.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

Die Jubiläumsausstellung

ist von 9. Mai bis 26. Juli (Di.-Fr.: 10 bis 18 Uhr; Sa.: 11 bis 16 Uhr) in der Galerie Bernheimer, Brienner Straße 7, zu sehen.

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