Bildwerke aus dem Giftschrank

Propaganda-Ausstellung: - Die einen Finger gekrallt, die anderen zur Faust geschlossen. Die Lippen dünn und aufeinandergepresst, ein irrer Blick im Auge: So ließ sich Adolf Hitler 1927 vom NSDAP-Fotografen Heinrich Hoffman ablichten. Absoluten Durchsetzungswillen sollten diese Bilder dokumentieren. Heute könnten derart verkrampfte Posen leicht lächerlich wirken, wüsste man nicht, wie ernst Hitlers Haudrauf-Gestik gemeint war.

Wüsste man nicht, dass der auf einer anderen Aufnahme verbissen, aber hoffnungsfroh durch die Gitterstäbe der Festung Landsberg nach draußen blickende Mann seine menschenverachtenden Vorstellungen bereits im Kopf hatte.

Roosevelt neben Hitler, Stalin und Mussolini

Eine Gefahr geht von diesen Bildern heute jedoch kaum noch aus, genauso wenig wie von Porträts Stalins oder Mussolinis. Dennoch geht das Deutsche Historische Museum in Berlin vorsichtig vor, wenn es in der Ausstellung "Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930-1945" sich jenen Bildwerken aus dem Giftschrank widmet, die von den Diktaturen Deutschlands, Italiens und der Sowjetunion ideologisch in Dienst genommen wurden.

"Umständlich genau" seien die rund 400 Bilder, Fotos, Plakate, Plastiken und Filme kommentiert worden, erklärte Museums-Direktor Hans Ottomeyer. Der Katalog fällt zudem mächtig und detailreich aus. Zumal sich zu der meist recht klar einzuordnenden Propaganda der drei Diktaturen noch die Kunst einer Demokratie gesellt: Im Rahmen des New Deal starteten die Vereinigten Staaten von Amerika 1933 auch ein Kunstprogramm, das die staatlichen Pläne an das Volk verkaufen sollte. Großformatige Werke in öffentlichen Gebäuden feierten sozialen Fortschritt, Fotokampagnen wiesen Präsident Franklin D. Roosevelt als Retter aus der Weltwirtschaftskrise aus.

Die von Hans-Jörg Czech kuratierte Ausstellung im Untergeschoss des Pei-Baus im DHM stellt den Propagandawerken der drei Diktaturen diese amerikanische Staatskunst gegenüber. In vier Themenblöcken präsentiert Czech Bilder der Staatsführer, der Gesellschaft, von Arbeit und von Krieg. Das Porträt von Roosevelt schaut auf Hitler, Stalin ist vis-à-vis von Mussolini platziert. Dabei wird klar: Nazi-Deutschland und die Sowjetunion liebten die gleichen entindividualisierten Menschen; die deutschen Werke allerdings zeigen eine einzigartige Dumpfheit. Menschenverachtende und oft billig hingepinselte, biedere Familien-, Bauern- und Kriegsmotive stehen auch im krassen Kontrast zu den italienischen Werken, bei denen die Grenzen zur Moderne und dem Futurismus durchlässig sind. Diese beispiellose Dynamik geht sogar so weit, dass Mussolini seine Büste zum rundum gleichförmigen Profil ab\-strahieren ließ.

Das futuristische Metall des Schlachtfeldes wiederum findet sich auch in Tom Leas "Fighter in the Sky" der amerikanischen Kriegspropaganda. Die vier Bildnisse der Staatsführer zu Beginn der Ausstellung zeigen aber auch, dass man die Staatskunst eines demokratisch-freiheitlichen Amerika nicht mit den Machwerken aus den Diktaturen verwechseln darf.

Während dort Hitler und Stalin Erhabenheit und imperiale Pose pflegen, Mussolini sich von erhobenen Schwertern, Kanonen und Soldaten im Gleichschritt umgibt, zeigt sich Roosevelt fast väterlich am Schreibtisch des Weißen Hauses. Von Verherrlichung kann man da kaum sprechen, wenn auch Henry Salem Hubbell den Kopf des Präsidenten sanft von Sonnenlicht umspielen lässt und ihm so die Aura des Entrückten verleiht.

Insofern ist die Exposition auch durch ein Missverhältnis geprägt: Alle vier Nationen werden in gleichem Umfang berücksichtigt. Im Nazi-Deutschland aber waren (damals anerkannte) Kunst und Propaganda deckungsgleich, während die USA auch unliebsamen Künstlern Freiraum gab und zum Beispiel die melancholischen und wenig staatstragenden Motive eines Edward Hopper zuließ.

Hinter dem Gießhaus 3, bis 29. April, täglich 10-18 Uhr, Katalog, Michael Sandstein Verlag: 34 Euro, Tel. 030/ 20 30 44 44, www.dhm.de

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