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In Afghanistan auf der Suche nach dem Star von morgen: Bill Murray als Richie Lanz in "Rock the Kasbah".

Interview zum Kinostart

Bill Murray: „Ich hoffe auf den Gnadenstrahl“

Marrakesch - Mit Filmen wie „Ghostbusters“, „...und täglich grüßt das Murmeltier“ oder „Lost in Translation“ hat Bill Murray Kultstatus erlangt. Interview gibt der Hollywood-Star aber nur selten. Wir treffen den Schauspieler beim Filmfestival von Marrakesch zum Interview.

In „Rock the Kasbah“ (Kinostart am Donnerstag) spielt Bill Murray einen Musikmanager, der in Afghanistan ein Mädchen mit phänomenaler Stimme entdeckt, das er trotz des Widerstandes religiöser Sittenwächter zum Star machen möchte. Zum Interview empfing uns der Schauspieler entspannt in Schlabberhose und zerknittertem Hemd.

Sie haben kein Handy, keinen Agenten und keinen Manager. Wie kommt man als Filmemacher überhaupt an Sie ran?

Das ist nicht mein Problem. Wer mich wirklich engagieren will, der muss sich eben ein bisschen anstrengen. Ich möchte nicht von Leuten belästigt werden, die bloß aus einer Laune heraus sagen: „Vielleicht sollten wir mal diesen ,Lost in Translation‘-Typen fragen.“ Ich denke, wer es schafft, ein gutes Drehbuch zu schreiben, der schafft es erst recht, mich zu finden.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Projekte aus?

Ich bin völlig unorganisiert und hatte nie irgendeinen Plan. Ich habe einfach immer das gemacht, was man mir gerade anbot und was mir gefiel. Reiner Zufall – ähnlich wie bei der Auswahl meiner Klamotten: Ich ziehe stets das an, was auf dem Stapel mit der sauberen Wäsche zuoberst liegt.

Und was gefiel Ihnen an „Rock the Kasbah“?

Die Botschaft, dass Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen mehr Empathie füreinander entwickeln sollten. Ich weiß, ich bin ein Kerl mit vielen Fehlern, habe garantiert keinen Heiligenschein und würde auch nie behaupten, ich könnte die Welt retten. Aber vielleicht können wir mit diesem Film ja Denkanstöße geben und helfen, Vorurteile abzubauen, die mir selbst nicht fremd waren.

Inwiefern?

In den USA herrscht geradezu eine Phobie gegenüber Moslems – doch die Muslime, die ich in Marokko kennengelernt habe, waren allesamt herzliche Menschen, die über dieselben Dinge lachen konnten wie ich. Eigentlich hasse ich Preise fürs Lebenswerk: Sie bedeuten ja meistens, dass man kurz vorm Abnibbeln ist. Ich aber bin topfit – und habe die Festivaleinladung nach Marrakesch nur angenommen, weil ich mich bei den Dreharbeiten zu ,Rock the Kasbah‘ unsterblich in dieses zauberhafte Land und seine Einwohner verliebt habe.

Einige Ihrer Kollegen sind aus Furcht vor Anschlägen dem Festival ferngeblieben.

Ich weiß, und manche meiner Freunde wollten mich auch nicht hierher reisen lassen. Aber ich weigere mich, ein Leben voller Angst zu führen. Angst ist nichts weiter als eine Fehlfunktion des Menschen. Der Marshmallow-Mann in „Ghostbusters“, der New York zerstören will, ist eine schöne Metapher, die uns lehrt: Wenn man sich seinen Ängsten stellt, entpuppen sie sich bald als Marshmallows!

Stimmt es, dass Sie im neuen „Ghostbusters“-Film wieder mitspielen?

Ja, aber es ist nur ein kurzer Gastauftritt. Ich wollte ursprünglich nicht dabei sein, halte es jedoch für eine bestechende Idee, die Titelrollen diesmal mit vier Frauen zu besetzen. Mit Melissa McCarthy und Kirsten Wiig hatte ich zuvor schon gearbeitet, und ich kann Ihnen verraten: Diese Damen sind wirklich saulustig. Girls just want to have fun – und der Spaß, den die Mädels beim Dreh hatten, überträgt sich unmittelbar auf die Zuschauer. Das kommt meiner eigenen Arbeitsweise sehr entgegen.

Wie sieht die aus?

Ich bin kein Grübler, der sich in eine Figur hineinkniet. Am Set versuche ich, möglichst entspannt an die Sache heranzugehen und dabei viel Spaß zu haben. Denn man kann das Beste aus sich herausholen, wenn man äußerst entspannt ist. Das habe ich schon sehr früh im Leben gelernt. Darum bin ich auch zur Schauspielerei gekommen. Ich stellte fest: Je mehr Spaß ich hatte, desto besser war ich.

Dustin Hoffman hat gesagt, dass der Ruhm einen zwangsläufig verdirbt.

Da ist was Wahres dran. Niemand bereitet dich auf das Berühmtsein vor. Darum ist es zunächst sehr schwer, damit umzugehen. Wenn die Leute anfangen, dir den Hintern zu küssen, läufst du automatisch etwas vornübergebeugt. Du hältst dich plötzlich für wichtig und führst dich auf wie ein Ekel. Um dich zu schützen, trägst du Sonnenbrille und Mütze. Und wenn zehn betrunkene Jugendliche auf dich zukommen, denkst du: „Warum habe ich keinen Schirm für mein Gesicht?“

Gehen Ihnen die vielen Fans auf die Nerven?

Nicht unbedingt. Ich freue mich wirklich, wenn sich Leute bei mir bedanken, dass ich sie in all den Jahren so oft zum Lachen gebracht habe. Dann fühle ich mich gut – und kann mich der Illusion hingeben, in meinem Leben etwas Sinnvolles getan zu haben.

Der Ruhm hat also auch seine Vorteile.

Ja, absolut. Ich hasse es, wenn Leute über die Schattenseiten des Ruhms lamentieren. Wenn du berühmt bist, bekommst du im Restaurant sogar manchmal noch etwas zu essen, obwohl die Küche eigentlich schon geschlossen hat. Bisweilen drückt auch mal ein Polizist ein Auge zu, wenn du zu schnell gefahren bist. Vor allem aber kümmert sich in der Notaufnahme des Krankenhauses sofort jemand um dich und dein verletztes Kind. Das ist der mit Abstand größte Vorteil, den du als Prominenter hast.

Im Gegensatz zu anderen Promis haben Sie sich bei der Eröffnungsfeier unters Volk gemischt: Sie haben den Gästen auf einem Tablett Nachspeisen gereicht und sich sogar auf die Tanzfläche gewagt...

Ja, ich möchte nicht in irgendeiner VIP-Lounge versauern und mich von meinem Ruhm paralysieren lassen. Das Problem ist nur: Jeder hat heutzutage ein Smartphone – und offenbar nichts Besseres zu tun, als ständig damit zu fotografieren und zu filmen. Das macht mich wahnsinnig. Am liebsten würde ich diesen Idioten ihre Geräte wegnehmen und sie anfauchen: „Verdammt noch mal, wir sind hier auf einer Party! Können wir vielleicht mal in Ruhe tanzen?“ Früher empfand ich aufdringliche Autogrammjäger als Zumutung. Doch seitdem diese Smartphone-Pest ausgebrochen ist, sehne ich mich zurück nach der goldenen Ära der Autogramme.

Haben Sie noch andere Wünsche oder Träume?

Hass und Terror diesseits und jenseits des Atlantik machen mich so entsetzlich traurig, dass ich eigentlich nur einen großen Wunsch habe: Ich hoffe, ein Gnadenstrahl fällt auf die Erde und erweicht die Herzen der Menschen!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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