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Billig an den Mann gebracht

- Früher sagte man: Hackfleisch aus jemandem machen. In unserer durchglobalisierten, dönerisierten Multikulti-Fastfood-Welt gibt es eine verschärft klingende, orientalische Variante davon: Kebab aus jemandem machen. Beide Male geht es um klein gehacktes, billiges Fleisch, das sich gut verhökern lässt. Und beide Male verheißt es nichts Gutes, wenn der Ausdruck auf Menschen angewandt wird.

Wie etwa auf die 15-jährige Rumänin Madalina, Hauptfigur der jungen rumänischen Autorin Gianina Carbunariu in ihrem Stück "Kebab". Dass es "mit Scharf" ist, dafür sorgen die beiden anderen brutalen, skrupellosen Figuren Vaicu und sein Spießgeselle Bogdan: Sie sind Wirtschaftsemigranten in Dublin, der eine Lügner mit irischem Pass, der andere Kunststudent mit irischem Stipendium.

Das naturalistische Sozialdrama, das deutlich in der Tradition der nun auch nicht mehr so brandneuen britischen Dramatik Mark Ravenhills und Sarah Kanes steht, inszenierte jetzt Barbara Weber für den Werkraum der Münchner Kammerspiele. Die Schweizer Regisseurin, unter anderem mit ihren "Unplugged"-Formaten viel in der freien Szene unterwegs, nimmt sich dabei so einige Freiheiten ­ und befreit das Stück in vielerlei Hinsicht: aus seiner sozialkritischen Langweiligkeit, seiner etwas banalen Dramaturgie und seiner holprigen deutschen Übersetzung. Sie führt es ­ mit Maskenspiel und Veitstänzen ­ in eine zuweilen wohltuende Absurdität, hört und verstärkt die Musikalität der Sprache, entdeckt und forciert die Märchenmotive, gibt dem grausamen Treiben zärtliche Momente. Und stellt damit die Zuschauer auf die Probe: Vergessen sie über der tröstlichen Träumerei aller Figuren die Verachtung, mit der das junge Fleisch Madalinas billig an den Mann gebracht wird?

Statt im Showgeschäft landet sie auf dem Strich, statt Bewerbungssgesprächen besorgt ihr Freund Vaicu ihr die Freier. Auch sechs auf einmal, die ihr die Zigaretten auf der Hand ausdrücken. Sie riecht nach Kebab wie bei ihrem Imbissjob ­ diesmal ist es ihr eigenes verbranntes Fleisch. Das alles erzählt sie Bogdan, der seinen Abschlussfilm über sie drehen darf. Und als Gegenleistung für Vaicu Internetpornos produziert, natürlich mit Madalina. Am Ende ist sie schwanger, Bogdan ein Werbefilmer, und weil Vaicu auch von was leben will, muss eine dran glauben und sterben, während Bogdan und Vaicu im Geschäft bleiben.

Bernhard Siegl hat der Schäbigkeit eine Bühne auf der Bühne gebaut: ein Vorhang umgibt das Matratzenlager wie bei einem Himmelbett. Dazu Spermüll und Elektroschrott, vom Sofa bis zu alten Monitoren, auf denen Sequenzen aus Bogdans Madalina-Film flimmern. Die talentierte Tabea Bettin spielt dieses von Wölfen zerfleischte Rotkäppchen keck, traurig, gewitzt und mädchenhaft und nimmt es dabei zutiefst ernst. Während Steven Scharf zumeist einen Comedy-Bogdan abgibt und man dem eher sanften Edmund Telgenkemper den bösen Wolf nicht abnimmt.

Und auch die leise dahingezupften Akkorde des Gitarristen Murena stimmen allzu versöhnlich. Ist da nicht gerade jemand abgeschlachtet worden? Das Fleisch war willig, aber der Geist war schwach, das ist die Botschaft, die in dieser harmonischen Inszenierung ein bisschen verloren geht.

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