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Seine Bilder sind von zwei Seiten „lesbar“: Blick in die Münchner Ausstellung von Neo Rauch, die am 20. April startet.

Neo Rauch in der Pinakothek der Moderne

München - Er ist agil, hager und höflich. Wenn er spricht, ist er die pure Konzentration. Jedes Wort ist ihm wichtig. Neo Rauch äußert sich druckreif, nein, eigentlich Poster-reif.

Und das, obwohl der viel gefragte Künstler in der Münchner Pinakothek der Moderne einen Interview-Marathon im Halbstunden-Takt bestreitet.

Dem Trubel um seine Person, der vor einigen Jahren einsetzte, stellt sich Neo Rauch mit seinem gehaltvollen Wirken entgegen. Hinter jedem Satz bemerkt man die Sensibilität und die Ernsthaftigkeit dieses Menschen. Seine Bilder zeigte er schon 2000 im Münchner Haus der Kunst. Seitdem vertraut er Bernhart Schwenk, der die Ausstellung in der Pinakothek kuratiert hat, die ab 20. April zu sehen ist.

Das Schlimmste ist für Neo Rauch die Gleichgültigkeit. Mit seinen monumentalen, vielfach verschränkten Werken erzielt er genau das Gegenteil: Hinwendung oder radikale Ablehnung – mit beidem ist Rauch glücklich. Dass er dabei von einigen als enorm kritisch, von anderen als völlig unkritisch eingestuft wird, beobachtet er mit Gelassenheit und versucht, seine inneren Schwerpunkte auszubauen. Was sicher nicht einfach ist.

Janusköpfig fokussiert er den Künstler an sich im zentralen Bild dieser Münchner Ausstellung. Für den Leipziger stellt sich stets die Frage: Wie halte ich es mit der Wahrhaftigkeit und dem Anspruch? „Bin ich ein Markenartikel, den einem die Spediteure aus der Hand reißen, oder habe ich noch Kontakt zu dem, was ich wirklich wollte?“ Rauchs Lösung: Man sieht bewusst die Konflikte und begibt sich dabei auch bewusst in Gefahr. In einem anderen Bild reiten dementsprechend zwei Kosaken mit Geköpften auf einen knienden Künstler zu: Wollen sie ihn holen oder aus dem muffigen Heim befreien?

Solche Bilder sind „von zwei Seiten lesbar“, und der Maler selbst lässt sich von den Werken gerne noch etwas erzählen. Stilistisch hat Neo Rauch vor 15 Jahren einen klaren Weg der Gegenständlichkeit beschritten. Er ist mit dem figurativen Stil der „Neuen Leipziger Schule“ und Bernhard Heisig als Professor groß geworden und wollte dann Neuland entdecken. Doch der „Flirt mit der Abstraktion“, wie er es ausdrückt, führte bei ihm fast zum „Verlust seiner natürlichen Fassung“, zum Verlust der emotionalen Bindung an die Dinge. Man hätte die Bilder dieser Phase auch cool nennen können, für Rauch aber waren sie überflüssig. Zu diesem Zeitpunkt spürte er, dass er ein Einzelgänger ist und keiner Parteiung oder Kampfgruppe angehören will.

Also setzte Rauch alles auf eine Karte – und landete mit seiner Malerei in den medienorientierten Neunzigerjahren im Aus. „Eine gedeihliche Zeit“, so Rauch heute, in der er in Ruhe an seinen Projekten feilen konnte. Er wollte „klarere Sätze“ sprechen.

Die Ironie ist dabei: Rauch ist im richtigen Moment stehen geblieben, um nun wieder ganz vorne mit dabei zu sein – federführend bei der Renaissance des Tafelbildes. Nun hängen seine Werke in München unmittelbar neben manchem seiner künstlerischen „Eckpfeiler“. Rauch zählt dazu Bacon, Baselitz, Balthus, Beckmann, Caspar David Friedrich und Tintoretto auf und erinnert sich an einen Besuch bei Giottos Fresken in Assisi, wo der Herrgott ein Donnerwort mit ihm gesprochen und ihn zur Klarheit zurückgeführt habe.

Was Neo Rauch nicht schafft, ist nach eigenen Angaben das Einbeziehen von aktuellem Zeitgeschehen. Genauso wenig kann er einer idyllischen Situation malerisch entsprechen, oft wirken seine Bilder apokalyptisch. Rauch lebt in der „schönsten und der schlimmsten Welt“, die er sich vorstellen kann. Er versucht, sich auch Schrecknisse „mit Zuwendung und Liebe“ malerisch anzueignen. Und dies bewirke eben, wie er glaubt, eines: dass sich die Menschen mit seinen Bildern arrangieren können.

Ausstellung

vom 20. April bis 15. August; weitere Informationen unter www.pinakothek.de.

Freia Oliv

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