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Tony Judt (1948 bis 2010), Historiker, litt an Amyotropher Lateralsklerose (ALS).

Biografie der Begegnungen

In schlaflosen Nächten kreisen kurze Gedanken und ganze Geschichten durch das wache Gehirn. Denn nur der Kopf arbeitet noch, der Körper spielt nicht mehr mit, ist schwach, gelähmt, todkrank.

Diese Situation beschreibt der englische Historiker Tony Judt in seinem ergreifenden letzten Buch „Das Chalet der Erinnerungen“. Der Autor, geboren 1948 in England, erfuhr mit 60, dass er an der unheilbaren Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) erkrankt war. Judt: „Das Besondere an dieser neurodegenerativen Erkrankung ist, dass man bei klarem Verstand über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachdenken, diese Reflexionen aber immer weniger in Worte fassen kann.“ Der ALS-Kranke kann sehr bald nichts mehr selbst aufschreiben, weil die Hände den Dienst verweigern, kann auch nicht mehr deutlich sprechen, später sitzt er, an Armen und Beinen gelähmt, im Rollstuhl, ist rund um die Uhr auf Assistenten angewiesen.

So erging es auch ihm, dem New Yorker Geschichtsprofessor Tony Judt, dessen bekanntestes Buch „Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“ 2006 auf Deutsch bei Hanser erschien. Die Rückbesinnung auf einen Winterurlaub, den er als Zehnjähriger mit seinen Eltern in einem kleinen Hotel im Schweizer Wallis verbrachte, war dem schwerkranken Judt in den durchwachten Nächten ein Hilfskonstrukt: In die einzelnen Fremdenzimmer dieses Chalets packte er nachts die Erinnerungen, Erlebnisse, Begegnungen seines Lebens, um sie am nächsten Morgen wieder herauszuholen, sich zu vergegenwärtigen und seinen Helfern zu diktieren. Entstanden ist eine anrührende Autobiografie in 25 kurzen Prosastücken, „Zeugnis meiner innigen Liebe“ zu den Eltern, der Frau, den Kindern, wie Judt im Vorwort seines Abschiedsbuches sagt.

Aufgewachsen ist er im Nachkriegs-London, wo Lebensmittel bis 1954 rationiert waren. Abwechslung in die Ödnis der englischen Küche brachte nur das Schabbatmahl jeden Freitag bei den Großeltern väterlicherseits, eingewanderten polnischen und litauischen Juden. Ansonsten: Weihnachtsbaum und Ostereier, schreibt Judt. Denn seine Eltern gehörten keiner Gemeinde an, begingen keine jüdischen Feiertage. Vater Joe hatte einen Friseurladen und wird als liebenswerter Autonarr beschrieben, der nur unenglische, exotische Citroëns fuhr. Im Kaleidoskop der Erinnerungen tauchen freudlose Schulanstalten auf, grüne englische Überland-Busse, sein Deutschlehrer Joe, ein furchterregender Mann, aber sein bester Lehrer; drei Arbeitssommer in einem israelischen Kibbuz; Studienjahre in Cambridge und Paris; Reisen mit Studenten, unter anderem 1968 nach München, wo sie den deutschen Busfahrer baten, sie zur Gedenkstätte Dachau zu bringen, und dieser den Kopf schüttelte: Dort gebe es nichts zu sehen, alles sei amerikanische Propaganda.

Gegen Ende dieser Biografie der Begegnungen erinnert Judt die Zeiten als Hochschullehrer in Oxford, Berkeley und seit 1995 an der New York University. „Amerikaner bin ich durch Zufall geworden, New Yorker bin ich aus Überzeugung.“ Schließlich ein Plädoyer für die Sprache – und gegen alle Nachlässigkeiten des sprachlichen Ausdrucks. „In meinen stummen Gedanken bilden sich Wörter noch immer mit großer Disziplin und in uneingeschränkter Fülle.“ Im Mai 2010 hat Tony Judt den Epilog und das Vorwort dieses kleinen, klugen Buches zu Ende diktiert. Drei Monate später ist er in New York gestorben.

SABINE DULTZ

Tony Judt:

„Das Chalet der Erinnerungen“. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Hanser Verlag, München, 224 Seiten; 18,90 Euro.

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