Nur Birke-Furnier statt "Pharao"

- Nun ist es doch die Formaldehydschleuder aus Birke-Furnier geworden, an der sich die Würmer den Krebs holen werden, und nicht das für Umwelt und Gewissen gut verträgliche Modell "Pharao" in Kastanie. "An der Auswahl des Sarges erkennt man die intakte Familie", sagt der Bestatter.

Und in der Tat haben Kamilla, Sibylle und Ludwig von ihrem alkoholkranken, gewalttätigen Vater nichts als Schulden geerbt, weshalb die Versöhnung mit ihm nicht einmal postum per Edelbegräbnis bewerkstelligt werden kann.

"Am Tag der jungen Talente" ist eine zynisch-heitere Farce von Polle Wilbert, der in Wirklichkeit Björn Bicker heißt und in seinem Brotberuf Dramaturg an den Münchner Kammerspielen ist.

Sein inzwischen drittes Stück war kürzlich bei den Autorentheatertagen in Hamburg eingeladen. Dieser Umstand mildert die etwas gschaftlhuberische Tatsache, dass es nun in der hauseigenen Autorenwerkstatt im Werkraum der Kammerspiele von Johannes von Matuschka inszeniert wurde.

Taktvoll ins Grab

Die Familie hebt genüsslich die Leichen im Keller ihres Oberhauptes, während sie dieses taktvoll ins Grab hinabzulassen versucht - das ist kein besonders originelles Sujet. Aber Wilbert führt es in witzigen Dialogen aus. Ab und an jedoch holpert die Dramaturgie des Dramaturgen. Da wird mitten im Winter von warmer, weicher Erde fantasiert, mit dem Onkel Otto aus dem Osten ein bisschen Politik gemacht, eine Geschichte über Kamillas Narben nur angerissen und schließlich eine Romanze zwischen ihr und dem Bestatter um die Familientrauer herumgezimmert.

Der Regisseur hat Überflüssiges beherzt gestrichen und sich hübsche Skurrilitäten ausgedacht. Noch nackter als sonst wirkt der Werkraum (Bühne: Annette Haunschild) mit den Europaletten und dem Gabelstapler. Im Gegensatz dazu schwebt der zarte René´ Dumont ballettös durch sein Beerdigungsinstitut und begräbt sich fast selbst unterm Leichensack. Und Katharina Schubert, Tanja Schleiff und der künstlich aufgedickte Robert Dölle spielen ein schön disharmonisches Geschwistertrio.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare