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Cate Blanchett ist derzeit in der Villa Stuck in Julian Rosefeldts Filminstallation „Manifesto“ zu sehen. Am 25. April wird Kameramann Ed Lachman (re.) in einem Künstlergespräch über die Arbeit mit Blanchett am Set von „Carol“ erzählen.

„Kino der Kunst“ bis 23. April in München:

Wider den Einheitsbrei

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Bis zum 23. April zeigt das Kunstfilmfestival außergewöhnliche Leinwandarbeiten fern von üblichen Sehgewohnheiten.

Tony Brown erinnert sich noch gut daran, wie er als kleiner Junge spät abends hinter dem Sofa ausharrte. Um heimlich dabei zu sein, wenn seine Eltern das Nachtprogramm im kanadischen Fernsehen schauten. Damals, in den Siebzigern, liefen dann vor allem Werke des Neuen Deutschen Films. Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder. 40 Jahre später sitzt der kanadische Künstler Brown in München und erzählt von diesen prägenden Kindheitserinnerungen. „Mich hat das, was ich damals gesehen haben, enorm fasziniert, weil es so anders war als alles um mich herum.“

Brown ist nach München gekommen, um sich in den nächsten Tagen in der Jury des Internationalen Wettbewerbs vom Festival „Kino der Kunst“ zu engagieren. Nach seiner Ankunft schlenderte er durch die Straßen, vorbei an den immer selben Restaurantketten, den immer selben Design-Boutiquen. „Eine Woche zuvor war ich in einer großen chinesischen Stadt – doch Unterschiede gab es kaum“, sagt Brown. Ob Paris, Shanghai oder München, die weltweite Standardisierung führe am Ende zu einem Einheitsbrei. Auch in der Welt des Films.

Wie sich die Veränderungen der Gegenwart in der Kunst spiegeln

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Wie gut, dass es Künstler wie Heinz-Peter Schwerfel gibt, die diesem Einheitsbrei entgegenwirken wollen. Er hat das Festival, das bis zum 23. April in Münchner Kinos und Museen zum dritten Mal stattfindet, initiiert. Eine weltweit einzigartige Mischung aus Filmfestival und Kunstausstellung sei das alle zwei Jahre stattfindende „Kino der Kunst“, betont Schwerfel. Und weil sich in den vergangenen zwei Jahren sowohl in München als auch in der restlichen Welt einiges getan hat, legten er und sein Team bei der Filmauswahl heuer besonders viel Wert auf die Frage, wie der jeweilige Künstler in seinem Werk die Veränderung der Gegenwart verarbeitet. „Wie schauen sie durch die Lupe der Narration auf die Wirklichkeit? Das ist, was uns interessiert“, sagt Schwerfel, der selbst Filmemacher ist.

An seiner Seite sitzen bei der Pressekonferenz zum Festivalstart neben Brown auch die Schauspielerin Nina Hoss und der US-amerikanische Kameramann Ed Lachman, beide ebenfalls Jurymitglieder im Internationalen Wettbewerb. Lachman hat etwa in Todd Haynes „Carol“ die Kamera geführt. Und kennt daher dessen Hauptdarstellerin Cate Blanchett gut. Deshalb bleibt er noch ein paar Tage länger in der Stadt – um am Dienstag, 25. April, um 20 Uhr in der Villa Stuck ein Künstlergespräch mit Julian Rosefeldt über dessen Filminstallation „Manifesto“ zu führen. Die Installation, deren Protagonistin ebenfalls Blanchett ist, ist derzeit in der Villa zu sehen (noch bis 21. Mai, wir berichteten) und Teil des Festivals.

Ein Gegengewicht zu Hollywood

Nun ist Blanchett längst ein zweifach Oscar-prämierter Hollywood-Star („Aviator“, „Blue Jasmine“). Bei „Kino der Kunst“ aber sollen die typischen US-amerikanischen Filmfabrik-Standards durchbrochen, „Grenzen gesprengt werden“, wie es Nina Hoss formuliert. „Ich hoffe, dass die Zuschauer Momente erleben, in denen ihre eigenen Vorstellungskraft erweitert wird“, sagt sie. Lachman nickt. „Hollywood repräsentiert nicht jede Facette dessen, was Menschsein bedeutet. Es ist ein Ausschnitt. Bei unserem Festival werden Künstler geehrt, die zeigen, was wirklich in den Menschen vorgeht“, betont der Amerikaner. Die drei Jurymitglieder sind sich bewusst, wie schwierig es heutzutage für Künstler ist, sich gegen die Sehgewohnheiten, die durch Hollywood geprägt werden, durchzusetzen. „Es ist nicht leicht, dagegen anzukommen“, sagt Tony Brown. „Doch durch Festivals wie dieses schenken wir Stimmen Gehör, die alternative Gedanken äußern. Um der Meinungsdiktatur entgegenzuwirken.“

Bis 23. April

Die Filme laufen in der Hochschule für Fernsehen und Film, Bernd-Eichinger-Platz 1, Wiederholungen in den City Kinos, Sonnenstraße 12. Tickets im Festivalzentrum täglich von 14 bis 20 Uhr, für die Wiederholungen im City Kino. Die Künstlergespräche sind kostenlos. Das vollständige Programm gibt es unter www.kinoderkunst.de.

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