Bismarck und die Buben

- Der Kaiser, der Papst und der Prinzregent. Wer die porträtieren durfte, hatte die Spitze erklommen. Franz Joseph I. 1873 als junger fescher Mann in Gala-Uniform (übrigens entstand das Bild in Zusammenarbeit mit Arnold Böcklin und Hans Makart); Leo XIII. 1885 als alter Weiser in rotem Samt mit Hermelinbesatz; und Bayerns Luitpold als schlichter Jäger in kurzer Wichs, 1897. Drei mächtige Männer, drei komplett unterschiedliche Gestalten und Charaktere - ein Maler: Franz von Lenbach, 1836 geboren, war am Ende des 19. Jahrhunderts zu dem Porträtisten Deutschlands aufgestiegen.

<P>Im Gedenken an seinen 100. Todestag, genau heute, präsentieren die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München eine große, jedoch zweigeteilte Ausstellung (man will auch in die Schack-Galerie locken): "Franz von Lenbach - Sonnenbilder und Porträts", kuratiert von Alice Arnold, Reinhold Baumstark und Jürgen Wurst. Wer in der Neuen Pinakothek die meist dunkel gehaltenen Bildnisse von Machthabern, Damen der Gesellschaft, Berühmtheiten wie Eleonora Duse oder Theodor Mommsen sieht, kann in der Schack-Galerie gar nicht fassen, dass dort Gemälde des gleichen Malers hängen. <BR><BR>Als Traum-Blickfang versetzt einen das großformatige Werk "Hirtenknabe", 1860, in einen lichtdurchfluteten Sommertag. Genüsslich hingestreckt auf die blumenbetupfte Grasnarbe liegt ein Bub, mit der einen Hand die Augen beschattend. Man glaubt, den Hitzeduft der Erde zu riechen und das geschäftige Surren der Insekten zu vernehmen. Freiluftmalerei vom Feinsten entwickelte der Schrobenhausener Stadtmaurersohn - mit viel Liebe zur Helligkeit, Einfachheit, zum simplen Detail: dem Flicken auf dem Hosenboden eines Bürschleins, dem Goldglanz auf seinem Haarschopf.<BR><BR>Graf von Schack baute damals eine Sammlung zeitgenössischer Kunst auf. Einer der ersten Ankäufe war der "Hirtenknabe". Schack beauftragte Lenbach aber auch, die großen Meister der alten Zeit von Tizian bis Rubens für die neue Galerie zu kopieren. Man holte sich die Kunstgeschichte, das verehrenswerte Bild als Zweitversion in die Heimat. Anverwandelte sich den Ausdruck einer anderen Epoche, ohne das Gefühl zu haben, dabei die eigene "Modernität" aufgegeben zu haben. Lenbach perfektionierte diese Haltung des Historismus'.<BR>Mit dem noch ganz traditionellen Herrscherbildnis Franz Josephs I. startete Lenbach, der in München bei Piloty studiert hatte, seine Karriere als Porträtist der feinen Leute. Ausgehend vom Renaissance-Stil reduzierte er oft die "Ausstattung". Die Person, vor allem das Antlitz, ist das einzig bedeutsame Zentrum des Bildnisses. Hintergründe verschwimmen ohnehin in diffusem Braungrau. Häufig wird die Art der Kleidung lediglich malerisch "zitiert". Das Auge des Betrachters weiß ohnehin, wie alles ausschauen sollte. Spielt die Aufmachung eine Hauptrolle, kann sie sich - vom Maler sicher gewollt - gegen den Abgebildeten wenden. So ist Kaiser Wilhelm II. in weißer Uniform mit Adlerhelm halt nur ein Geck: Bismarck-Verehrer Lenbach, der den Fürsten über 80-mal verewigt hatte (sieben Bilder sind in der Neuen Pinakothek zu sehen), war empört, als der Kanzler entlassen wurde.<BR><BR>Es sind vor allem die Augen, die Gesichtshaut und die Lichtsetzung darauf, mit denen der hochgeehrte, viel gefeierte und viel angefeindete Künstler seinem Ruf als "Seelenmaler" gerecht wurde. Die Erschöpfung zeigt sich im geröteten Lid (Otto von Bismarck), die Keckheit im Wangengrübchen (Mary Stuck), die geistige Überlegenheit im hypnotischen Blick (Theodor Mommsen).<BR><BR>Diverse Foto-Strecken, zum Teil vergrößert, schildern in den Pinakothek-Kabinetten, wie rationell Lenbach vorgegangen ist; aber eben auch, wie er dann im Gemälde die Persönlichkeit inszenierte. Mommsen ist auf den Fotos gar nicht so Ehrfurcht einflößend, Bismarck bleibt ein Normalo, und die Verlegersgattin Eugenie Knorr erweist sich gar nicht als ätherische Großfürstin (gemalt), sondern als Münchner Großbürgerin, die recht gut im Futter ist. Die Atelier-Aufnahme bringt die komische Diskrepanz an den Tag; hinter ihr, der russisch Ausstaffierten, irrlichtert Lenbach herum wie ein bärtiger Satyr im Anzug. Funkeln die Brillengläser nicht ein ganz klein wenig boshaft?</P><P>Bis 8. 8.; Katalog, DuMont: 29,90 Euro, <BR>Tel. 089/ 23 80 51 95, 23 80 52 24.<BR><BR></P>

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