Ein bisschen jungenhaft

- Geboren im ukrainischen Kriwoi Rog, ausgebildet an der Moskauer Bolschoi-Ballett-Schule, machte er im Westen glanzvolle Weltkarriere: Vladimir Malakhov, in den 90er-Jahren Erster Solist am Wiener Staatsopernballett und am New Yorker American Ballet Theater, gleichzeitig ständiger Gast unter anderem in Stuttgart und Berlin, wo er seit 2004 als Intendant des Staatsballetts Berlin residiert, mit maximal 94 Tänzern Deutschlands größtes Ballettensemble. Morgen kann man ihn im Münchner Nationaltheater in John Crankos "Romeo und Julia" als Lucia Lacarras Romeo erleben.

<P>München war ja so ein bisschen Sprungbrett für Ihre Karriere. Konstanze Vernon entdeckte Sie bereits 1989 als Gast für ihre "Bosl"-Ballettmatinée . . .<BR><BR>Malakhov: Ja, mein Auftritt bei ihr war der erste im Westen.<BR><BR>Was für ein Typ ist Ihr Romeo heute?<BR><BR>Malakhov: Ich habe ja viele verschiedene "Romeo"-Produktionen getanzt, auch die Ur-Version von Leonid Lawrowsky und die von Kenneth MacMillan. Aber die von Cranko tanze ich am liebsten. Ich fühle mich da völlig entspannt. Vielleicht, weil es mein erster Romeo war und ich damals auch gerade frisch verliebt war . . . Ich denke mein Romeo ist jetzt reifer, aber immer noch ein kleines bisschen jungenhaft. Das ist einfach mein Naturell.<BR><BR>Wie weit besprechen Sie die Rollen mit Ihren Partnerinnen?<BR><BR>Malakhov: Ich habe mit Lucia Lacarra schon "Dornröschen" getanzt, "Spectre de la Rose", "Schwanensee", "Grand Pas Classique". Das waren alles "Tütü"-Rollen. Dies hier ist anders, eine echte Liebesgeschichte. Wir haben jedoch nur über die Schritte geredet, über die Pas de deux. Über Gefühle spreche ich nie. Man kann sie nicht vorab diskutieren, nicht festlegen. Selbst, wenn ich mit der Partnerin geprobt habe, mit Ausdruck, mit Emotion - auf der Bühne ist alles ganz anders. Ich reagiere spontan auf ihre Verfasstheit und umgekehrt. Da beginnt die echte Partnerschaft.<BR><BR>Staatsballett Berlin - was ist der Vorteil der Ensemble-Fusion von Deutscher Oper und Staatsoper?<BR><BR>Malakhov: Sie spart viel Geld. In Berlin werden die Budgets für die Kultur ja ständig gekürzt. Wir haben mehr Klassik und Neoklassik in der Staatsoper und Neoklassik und Modernen Tanz in der Deutschen Oper. Es ist jetzt erst einmal ein Experimentier-Jahr für uns, ein ziemlich hartes. Wiederaufnahmen, Premieren, jede Woche andere Vorstellungen - insgesamt 100 pro Saison. Natürlich ist die Compagnie da ein bisschen müde. Aber ich habe sehr junge Tänzer, die bereit sind, alles zu machen. Trotzdem: Ruhepausen sind nötig. Und man darf nicht abrupt von schräger Moderne in einen "Schwanensee" springen. Wir warten jetzt auf die Fertigstellung neuer Studios in der Staatsoper, wo ja unsere Basis ist. Das wird die Proben erleichtern.<BR><BR>Und was ist mit Ihnen?<BR><BR>Malakhov: Mein Stundenplan ist sehr eng. Ich mache jeden morgen mein Training, jede Woche meine Vorstellungen. Letzte Woche "Onegin", diese Woche noch mal, außerdem "Giselle" und Bé´jarts "Ring", was ich unheimlich gerne tanze, obwohl es fünf Stunden dauert. Jetzt steht eine Hommage für den verstorbenen Uwe Scholz an. Ich leite die Proben, bin in den Ensemble-Meetings, organisiere verschiedene Sachen.<BR><BR>Seit Ihrem Amtsantritt 2002 zunächst als Ballett-Leiter der Staatsoper haben Sie auch noch "Bayadè`re" und "Cinderella" choreographiert . . .<BR><BR>Malakhov: . . . und bereite für Oktober wieder ein neues Ballett vor. Will aber noch nichts verraten.<BR><BR>Verraten Sie, warum Sie nach der Bolschoi-Schule nicht ins Bolschoi-Ensemble übernommen wurden?<BR><BR>Malakhov: Weil ich Ausländer war. Als Ukrainer brauchte ich eine Arbeitserlaubnis, auch einen festen Wohnsitz. Ich wurde sofort als Erster Solist in das Klassische Ballett engagiert, Moskaus zweite wichtige Compagnie, bekam alle Hauptrollen zu tanzen. Sie haben mir auch gleich ein Appartement besorgt. Als ich dann den Wettbewerb in Varna gewonnen hatte, meinte Grigorowitsch (damals Bolschoi-Ballettdirektor, die Red.), er denke über mein Engagement nach. Nach weiteren zwei Goldmedaillen und nach meinem Auftritt in München wollte er mich schließlich haben. Da habe ich allerdings dankend abgelehnt.<BR><BR>Dann in den Westen . . .<BR><BR>Malakhov: 1991 im Dezember, ich tanzte "Nussknacker" in Kalifornien. Ich bin nachts aufgewacht, habe mir bewusst gemacht: Russland, das ist "Schwanensee", "Giselle", "Dornröschen" ein ganzes Leben lang! Habe meine Mutter angerufen. Und sie: Mach' das, was für deine Karriere am besten ist. Ich habe in Russland alles zurückgelassen und wieder von Null angefangen.<BR><BR>In den 90er-Jahren waren Sie hier dreimal Lenski. Was würden Sie hier noch gerne tanzen?<BR><BR>Malakhov: "Kameliendame" und, obgleich man mich immer nur als Lenski sieht, irgendwann auch mal die Titelpartie, den Onegin.</P><P>Das Gespräch führte Malve Gradinger</P>

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