Bisse statt Küsse

- Beim Styx, der Versuch ging fehl. Nach Horváth ("Geschichten aus dem Wiener Wald") und Grillparzer ("König Ottokar") galt die dritte große Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele Heinrich von Kleist und seiner "Penthesilea" - Sehnsuchtsstück und Angstpartie so mancher Schauspielerinnen und Regisseure. Stephan Kimmig und seine kleine Kampfsporttruppe von Hamburgs koproduzierendem Thalia Theater stellten sich selbstbewusst dem großen Trauerspiel.

 Und wenn man heute schon als Erfolg werten will, wenn ein Regisseur den Klassiker nicht mit Fremdtexten oder Selbstverfasstem versaut, dann dürfte diese Produktion ja durchaus als gelungen gelten.

Die Latte gerissen

Aber der Anspruch an die teuren Festspiele muss größer sein, die vorangegangenen Produktionen haben die Latte hoch gelegt - und Kimmig hat sie gerissen. Warum? Er hat das gewaltige Kleist'sche Sprachkunstwerk zunächst einmal entkernt. Rollen gestrichen, Texte gekürzt, auf Griechen und Amazonen verzichtet, was durchaus kein Nachteil ist. Reduziert auf fünf Personen nur, bringt er die Tragödie als eine Art Versuchsanordnung auf eine Bühne, die einen ramponierten antiken Palast darstellen soll, der dominiert wird von einer großen Treppe, die allerdings in den folgenden zweieinhalb Stunden kein einziges Mal benutzt wird.

Wie beiläufig kommen die Schauspieler vor Stückbeginn auf die Bühne, laufen hinüber und herüber, prüfen die Wand, ob sie standhalten wird, wenn sie sich später immer wieder heranwerfen, umarmen sich quasi hinter der Bühne zum Toitoitoi, machen Lockerungs- und Dehnübungen, imaginieren Hufgetrappel und eine wilde Reiterei. Außer Atem setzen sie sich schließlich keuchend auf die seitwärts aufgestellten Plastikstühle.

Den Text zerbrüllt

Aus dieser Pseudoprivatheit löst sich der Schauspieler, der Diomedes sein soll, und beginnt mit der Erzählung der Geschichte. Nur das Nötigste an Text, der berichtet vom Treffen der Protagonisten Achilles und Penthesilea, vom Aufeinanderprallen der Gefühle. Dazu stürmen sie immer wieder mal plötzlich wie Kampfhunde über die Bühne, treffen sich, verschlingen ihre Körper ineinander, tanzen langsamen Walzer oder rappen an der Rampe. Alles, was Kleist ausgiebigst und in formaler Strenge reportagemäßig kommentieren lässt - die Begegnungen  in der  Schlacht, die Duelle zu Pferde, die Verletzungen durch Pfeil und Speer - wird hier in Bewegungsrituale umgesetzt. Und in Lautmalereien. Das heißt, es wird geschrieen und geflüstert, gestottert und gewürgt.

Die Inszenierung zielt auf einen einzigen Punkt: die Anziehung und das gleichzeitige Abstoßen der von der Liebe schwer Getroffenen. Wie zwei Gockel finden Achilles und Penthesilea zueinander, wie zwei Kampfhähne bekriegen sie sich zugleich. Sie weiß nicht, wie man liebt; statt Küsse Ohrfeigen und Bisse wie ein ungezähmtes Tier. Wenn Penthesilea am Ende Achilles von ihren Hunden zerfleischen lässt und selbst noch mit ihren Zähnen ihn in Stücke reißt, wird auch das in ein Bild übertragen und sozusagen weichgespült: zu italienischer Schlagermusik ein zärtlicher Tanz mit tödlicher Umarmung.

Wenn der letzte Tod gestorben, der letzte Vers gesprochen, gibt sich die Aufführung nicht gleich den Anschein, zu Ende zu sein, sondern verharrt für einen Moment noch wie ein großes Fragezeichen - bis Diomedes der Beleuchtung das Zeichen zum Blackout gibt. Wir haben's ja begriffen: Dies war Kimmigs nicht uneitle Demonstration seines Versuchs mit der Tragödie. Wohl wissend, dass seine Schauspieler (außer Helmut Mooshammer als Diomedes) ihr sprachlich überhaupt nicht gewachsen sind.

Vor allem nicht die junge, in ihrem körperlichen Gestus sehr versierte und geschmeidige Susanne Wolff als Penthesilea. Die Gewalt und die Heftigkeit der Gefühle, ihre zerstörerische Macht und Größe liegen in der Sprache, im komplizierten Rhythmus des Verses. Wenn er, wie hier geschehen, zerbrüllt, illustriert und ritualisiert wird, verläppert sich Kleists Trauerspiel zum hübschen Showdown einer heißen Affäre.

Bis 25. August, außer 21.8., im Landestheater Salzburg. Tel. 0043/ 662/ 8045-500.

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