Da bist Du ja. Komm rein!

- Es war ein großer Moment in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft im Herbst des Jahres 2000. Das Programm hieß "Wir sehen uns wieder", doch das Publikum wollte sich partout nicht darauf verlassen. Und so erhob sich das kleine Theater, Jung wie Alt, am Ende vor dem Mann auf der Bühne von den Plätzen, obwohl das damals wegen der Enge des Raumes eigentlich gar nicht möglich war. Und der Mann auf der Bühne lächelte verschmitzt und glücklich. Die Ovationen kamen nicht zu früh. Mit dieser kleinen Tournee, die ihn auch nach München führte, nahm Hanns Dieter Hüsch damals endgültig Abschied von der Öffentlichkeit. Nach langer, schwerer Krankheit ist der Kabarettist gestern 80-jährig gestorben.

Die kleinen Leute standen im Mittelpunkt

Mit Hüsch verliert die deutsche Kleinkunstszene einen im doppelten Sinn des Wortes einzigartigen Exponenten. Kein anderer Künstler der älteren Generation rückte die so genannten kleinen Leute, ihre harten Schicksale, ihre Art zu reden und zu rechten, so authentisch in den Mittelpunkt wie er - und die Jüngeren, die heute auf der Bühne aus dem Alltag plaudern, haben viel von ihm gelernt. Der Mann aus dem nordrhein-westfälischen Moers schöpfte am Zenit seiner Karriere aus dem Erfahrungs-Fundus mehrerer Generationen, hielt den ehernen Sprüchen, Weisheiten, (Vor-)Urteilen den Spiegel der Satire vor, ohne sich über die, denen er da so unverschämt präzise "aufs Maul schaute", zu erheben. Dafür liebte man ihn.

Seine Mutter hatte gewollt, dass er Medizin studiert, doch der Beamtensohn, dem Kriegsdienst durch eine Behinderung entronnen, verarztete - nach abgebrochenem Studium der Theaterwissenschaft - viel lieber die Gesellschaft mit seinem Spott, machte "dummes Zeug". "Die To(l)leranten" hieß - an seinem langjährigen Wohnort Mainz - im Jahr 1947 sein erstes Ensemble, später gründete er dort die "arche nova". Doch - allen Erfolgen in wechselnden Formationen zum Trotz - am stärksten war das "schwarze Schaf vom Niederrhein" (Hüsch über Hüsch) als Solist. Nur mit der Orgel, der er eine seltsam monotone, fast sakral wirkende Musik entlockte, im Gepäck zog der "fahrende Poet" unermüdlich über Land, gastierte am liebsten in der Provinz, brachte es auf bis zu 200 Gastspiele im Jahr.

Seine Beschäftigung mit den Nicht-Prominenten, seine kunstvolle Be- und Verarbeitung des Privaten brachte ihm in den Jahren um und nach 1968 den Vorwurf ein, seine poetische Kraft einem "bourgeoisen Verniedlichungstrend" zu opfern. Tief verletzt zog sich Hüsch für einige Zeit von der Bühne zurück, synchronisierte Stummfilme ("Väter der Klamotte"), spielte in Fernsehserien.

Doch dabei blieb es zum Glück nicht, und nicht nur seine sporadischen Auftritte im ARD-"Scheibenwischer" bewiesen, dass Hüsch, Autor von Programmen wie "Und sie bewegt sich doch", "Ein neues Kapitel", "Meine Geschichten" oder "Sach ma nix!", für das politische Kabarett unverzichtbar war. Die Wirkung seiner Kunst lag in der ambivalenten Beurteilung dessen, was man "gesunden Menschenverstand" nennt. Der leidenschaftliche Pazifist erkannte in den Blüten der Pedanterie derer, die er da beobachtete und belauschte, in ihrer Sturheit, ihrem Misstrauen gegenüber dem Unbekannten auch immer den Keim der Unfreiheit, des Faschismus.

Doch der unerschütterliche Humanismus, die Liebe zur Heimat überwogen stets, und so überrascht es nicht, dass der Autor mehrerer Bücher in einem seiner Werke dem lieben Gott eine Schwester in Dinslaken andichtete, ihm ein ganz und gar menschliches Antlitz verlieh. Dass Hüsch gut bekannt ist mit Gott, glaubte man ihm sofort, und so fällt es jetzt auch nicht schwer zu glauben, dass im Himmel gestern nur ein Satz fiel: "Da bist Du ja. Komm rein!"

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