Bitte ohne Isis und Osiris

- Die ersten Klänge krächzen aus dem Lautsprecher, da ahnt Pamina Schlimmes. Sarastro und Tamino zwingen sie vor den Notenständer. Und als die drei, nach einem gescheiterten Versuch, das Terzett live anstimmen, wird der Entsetzten die Kluft klar: Singt sie von "wie ich dich liebe", halten ihr die Männer "der Götter Wille" entgegen. Der Geliebte also verloren? An eine Clique, deren Chorherren-Hemden den Charme einer geschlossenen Anstalt verströmen? In der die Lebenslüge des Chefs offenbar wird, als er an der Leiche des von ihm erstochenen Monostatos "kennt man die Rache nicht" behauptet?

<P>Das ist der Tiefpunkt für Pamina. Und zugleich der abgründigste Moment in dieser Stuttgarter "Zauberflöte". Doch Frauenpower wendet das Schicksal. Pamina, das kernige Girlie in Schwarz, wird später ihren Lover von der Bühne ziehen, wo sich derweilen Sarastros Untertanen der blöden Gewänder entledigen. Peter Konwitschny, großer Moralist und noch größerer Feminist unter den Opernregisseuren, lässt an der Rampe die von der Männerwelt frustrierte Königin der Nacht zurück, der sich ein ratloser Sarastro nähert. Nicht nur die alte Macht, eine ganze gescheiterte Generation muss hier abdanken.</P><P>Eine Generation dankt ab</P><P>Mozarts "Zauberflöte", so stöhnte einst Opernplauderer Marcel Prawy, sei doch verwurlter als Wagners "Parsifal". Aber nur, das scheint Konwitschny mit seiner Aufführung zu erwidern, weil sich alle Welt über Ungereimtheiten, über das Märchen-Freimaurer-Gebräu die Köpfe zerbricht. "Was wollte uns Mozart sagen?" ist daher die falsche Frage, besser: "Wen wollte er uns zeigen?" Und Konwitschny zeigt sie. Menschen mit ihren Macken und Widersprüchen, krankend an Machtgeilheit und emotionaler Verkrampfung, eine Diagnose, die Tamino, Sarastro, die Königin, auch Papageno zu Leidensgenossen stempelt. Und auf einmal, das ist das Einzigartige dieser Produktion, interessieren all die vorgeblichen Brüche des Stücks nicht mehr. Man begreift, dass die von Mozart und Textdichter Schikaneder montierten Situationen nur verschiedene Blickwinkel ermöglichen. Staunenswert, wie Konwitschny die Handlung binnen Sekunden kippen lässt; glaubhaft, wie er Witz, Zynismus und Tragödie hart aneinander schneidet.</P><P>Ermöglicht wird dies auch durch Ausstatter Bert Neumann, mit Konwitschny schon für die fulminante Stuttgarter "Götterdämmerung" verantwortlich. Neumanns Raum ist eine Nicht-Bühne. Versatzstücke (ein paar Stühle und Stellwände), zweckentfremdete Requisiten (der gerollte Teppich als "Schlange" oder Markierung für die Spielfläche), ein Glitzervorhang im zweiten Akt - reicht alles vollkommen. Die "Zauberflöte" also als ein wie improvisiertes Spiel: Das ist Theater pur, schnörkellos und folglich reinster Schikaneder. Konwitschnys Charme-Offensive überträgt die Atmosphäre einer Vorstadtbühne Anno 1791 aufs Heute und verhöhnt gleichzeitig Kollegen, die sich Oper nurmehr über anspielungssatte Bilderbögen nähern können. Oder über, welch Epidemie, Videos. Konwitschnys Projektionen setzen dagegen intelligente Pointen wie die vibrierenden Stimmritzen Barbara Baiers während ihrer Königin-Arie. Oder sie erzeugen berührende Momente: In der "Feuer-/Wasserprobe" betrachten Pamina und Tamino das auf Filmschnipsel geraffte Schicksal eines Menschen vom Baby zur Bahre - das Leben also als die härteste aller Prüfungen.</P><P>Natürlich darf viel geschmunzelt werden. Über Taminos Ausflüge in den Orchestergraben, über Attila Juns Sarastro-Rede, die der Südkoreaner in seiner Muttersprache hält und die im unbeteiligten Dolmetscher-Singsang übersetzt wird. Und über Papageno, der seinen Schlager "Ein Mädchen oder Weibchen" als Entertainer in einer Comedy-Show präsentiert - Spot ins Publikum: "Und jetzt alle!" Es ist wie so oft bei Konwitschny. Die Inszenierung ist durchsetzt mit klugen Frechheiten und Anspielungen, nur ein Abdruck des kompletten Regiebuchs könnte dieser dreistündigen Kurzweil gerecht werden.</P><P>Lothar Zagrosek lieferte mit dem Staatsorchester das instrumentale Pendant. Mit scharfkantigem Klangprofil, einer hell ausgeleuchteten, schmucklosen Dramatik und forschen Tempi. Das bewegte sich fernab von Mozartputzigkeit, entpuppte sich vielmehr als permanente, die Partitur intensiv befragende Wahrheitssuche.</P><P>Dass Konwitschnys Proben Kondition kosten, war manchem anzuhören, dennoch wurde auf hohem Niveau gesungen: Alexandra Reinprecht erfüllte die Pamina mit nie weinerlichen Lyrismen und dunkler, im oberen Register flötengleicher Sopranglut, weitete die Stimme auch dramatisch, so dass man eine Donna Anna mitzuhören glaubte. Vom Wein beschickert und mit Nerz behängt gab Barbara Baier weniger die funkensprühende Virtuosin, verdeutlichte vielmehr das Gebrochene der Königin. Zu nachdrücklich gestaltete anfangs Rudolf Rosen seinen linkisch-sympathischen Papageno. Allmählich gewann er an Nuancierungslust, erlebte schließlich in der Comedy-Szene gar das emotionale Outing.</P><P>Video von Lady Di</P><P>Attila Juns samtige Sarastro-Momente waren eine Ohrenweide, enthielten der Figur indes ihre "schwarze" Dimension vor. Johan Weigel, der Mozarts feinen Linien mit etwas zu heldischer Emphase begegnete, blieb als Tamino ganz tumber Tor. Einer, dem man die naive Faszination an Sarastros Runde glaubte, der nicht mit bezaubernd schönen Bildnissen, sondern mit einem Video von Lady Di's Traumhochzeit begeistert wurde. Der Mann interessiert sich nur für die Verpackung - ob das für eine Beziehung reicht . . . Konwitschny lässt das offen. Am Ende feiert Stuttgarts exzellenter Chor zwar die "Geweihten", doch die haben sich längst davongestohlen: "Wir wollen uns der Liebe freu'n?" Aber bitte ohne Isis und Osiris.</P>Infos zu Terminen und Karten: Tel. 0711/ 20 20 90 oder unter www.staatstheater.stuttgart.de<P>Die Handlung<BR>Pamina, Tochter der Königin der Nacht, ist von Sarastro entführt worden. Die Königin bittet den Prinzen Tamino, sie zu befreien. Der hat sich sofort in Pamina verliebt, als er ein Bild des Mädchens sehen durfte. Mit Hilfe des Vogelfängers Papageno dringt Tamino in Sarastros Reich ein. Doch der Priester ist gar nicht so böse, wie von der Königin behauptet. Tamino schlägt sich auf Sarastros Seite, besteht - im Gegensatz zu Papageno - die Prüfungen der Priesterschaft, die ihn mit Pamina aufnimmt.</P><P>Die Besetzung<BR>Dirigent: Lothar Zagrosek. Regie: Peter Konwitschny. Ausstattung: Bert Neumann. Darsteller: Attila Jun (Sarastro), Johan Weigel (Tamino), Motti Kastó´n (Sprecher, 1. Priester), Heinz Göhrig (2. Priester), Barbara Baier (Königin der Nacht), Alexandra Reinprecht (Pamina), Karine Babajanian, Maria Theresa Ullrich, Helene Ranada (drei Damen), Rudolf Rosen (Papageno), Irena Bespalovaite (Papagena), Michael Austin (Monostatos) u.a.<BR></P>

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