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Balladen sind ihr Markenzeichen: Annett Louisan haucht im Duett mit Claudia Koreck (re.) ins Mikrofon.

Bittersüße Therapiesitzung

München - Annett Louisan sang mit Claudia Koreck in der kleinen Olympiahalle vor 3000 Zuhörern. Die beiden Frauen lieferten eine bittersüße Therapiesitzung. Eine Kritik:

Ein gebrochenes Herz steht da oben auf der Bühne der neuen kleinen Olympiahalle. In gefühlt tausend Stücke zerlegt, erschöpft. Aber einsam und verlassen ist Annett Louisan in der kahlen grauen Halle unter der Erde trotzdem nicht. Bei ihrer Selbstbewusstseins-aufpolierenden-Therapiesitzung sind 3000 alte Freunde dabei, und eine neue: Claudia Koreck.

Das kleine blonde Mädchen mit den riesigen Kulleraugen gibt es nicht mehr. Annett Louisan ist erwachsen geworden, hat eine Scheidung hinter sich, hat sich die Haare braun gefärbt und ist gerade dabei, sich wieder aufzurappeln. Sie will ihre Zuhörer mit auf eine Reise nehmen. Nur wohin eigentlich? In ihrem (Bühnen-)Wohnzimmer samt Sesseln, Stehlampe und Schnapsbar ist man ja schon. Geht’s noch intimer? Es geht. Mit ihrer Kleinmädchenstimme singt sie von enttarnten Lügen, vom In-Flagranti-Erwischen, vom Verlassenwerden. Doch lieb, brav, nett klingt anders. Sie schimpft zwar nicht auf ihren Ex und dessen Fehler, das hat sie nicht nötig. Sie gibt lieber schonungslos und ehrlich ihre eigenen Makel zu, spielt mit ihnen, wechselt die Rollen – aber nicht die Outfits. Mal trauert sie als Porzellanpuppe fragil ihrem alten Leben hinterher, mal gesteht sie als Göre kokett ihren neuen Freiheitsdrang inklusive Sauftouren und vergessenen Eisprüngen. Und natürlich darf der Vamp passend zum glutroten Bühnenlicht nicht fehlen, doch wie ein Kätzchen miaut ein Zuschauer glaubwürdiger. Die dabei immer wieder auftauchenden lyrischen Widerhaken sind ihr Markenzeichen, dazu das mädchenhafte Gehauche, der Seelenstrip mit Ratgeber-Plattitüden.

Eine solche Ballade singt die 34-jährige Berlinerin auch mit ihrer bayerischen Freundin Claudia Koreck. Man muss ja nicht immer gleich das Rad neu erfinden. Ein Abend unter Freunden tut zwischendrin ja auch mal ganz gut. Er hat zumindest beinahe eine therapeutische Wirkung.

Angelika Mayr

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