Bizarre Bühnenpoesie

- Farbig und talenteträchtig, mit kleinen Anfangsschwächen noch, getanzt dafür insgesamt hinreißend brillant, so präsentierte sich der neue Abend von Philip Taylors BallettTheater München (BTM) soeben im Gärtnerplatztheater. Der Titel "Modern Dance II: Piano Works" ist Signal: Der Tanzchef hat sich damit klug eine Plattform für Choreographen aus dem eigenen Ensemble geschaffen: Annett Göhres "Kleinigkeiten" und Caetano Sotos "Bajo Piel" machten durchaus gute Figur neben Taylors "Junction" und seinem "Quiet Strength" (1990).

<P>Die Vorgabe "Piano Works" hält die vier Stücke dezent zusammen. Dabei bleibt der Abend doch melodisch und rhythmisch abwechslungsreich, wie gleich zu Beginn schon mit Graham Fitkins Komposition "LOG" für sechs Klaviere (vom Band). Sie wechselt hin und her zwischen langsamen und schnellen Sätzen. Taylors "Junction" geht ganz auf diese geradlinige Struktur ein. </P><P>Zu den in atemlangen Intervallen einschlagenden Klangmonolithen jeweils nur Christine Bombosch: eine kraftvolle Fünfkämpferin in weit ausholendem Schwung, sich stets plastisch in den weiten offenen Raum hineinmodellierend. Sie tanzt die reife Frau, die Nachdenklichkeit, während sechs junge Männer in einem faszinierenden Präzis-Tempo energieberstende jugendliche Unbekümmertheit ablassen. Zwei Lebensalter an der "Junction"/ "Kreuzung" - ein schönes, ein schlankes Stück, in dem Taylor auch auf illustrierende Schnörkel verzichtete. <BR><BR>In "Quiet Strength" (zu Kelvin Grout vom Band) sichtet man noch Spuren von einst trendigen, aber immer schon naiv schmückenden Tanztheatergesten. Zumindest das Mund-Zuhalten macht bei dem Titel "Stille Kraft" ja noch Sinn. 1990 für das Nederlands Dans Theater entworfen, wirkt "Quiet Strength" in seiner klaren blockartigen Ensemble-Sequenz gegen Ende, nicht zuletzt auch in den apart folkloristisch angehauchten brauntonigen Kostümen (Andrea Blotkamp) sehr "nederlandisch". Dies sicherlich kein Nachteil. <BR><BR>Annett Göhres "Kleinigkeiten" hat seit der Rohfassung bei "Junge Choreographen" eine feine Lesbar-Politur bekommen: Kleiner Mann liebt hartnäckig großes Mädchen - mit allen Hürden und Schmerzen. Wie David Russo zwergig kauernd an die kühle Dame Elizabeth Mischler herantrippelt, sich an ihrer Statur hochschnuppert, abblitzt, mit Tanzgriff zärtelt, mit Blume wirbt, gewinnt und wieder an den Starken-Mann-Rivalen verliert, das hat Theaterpoesie auf den Spuren von Fokines "Petruschka". Zwischendrin und am Schluss fasert Göhres Beziehungsquartett aus ins Ungefähre. Wäre vielleicht gar nicht gut, wenn alles jetzt schon perfekt wäre. <BR><BR>Nachsicht, die auch für Caetano Soto gilt. Zweifelsfrei eine große Begabung, wie bereits entdeckt bei seinem "Plenilunio". Bei ihm sprudelt neoklassische Tanzsprache - diesmal barock verspielt - als Naturquell. Aber auch seine Formationen im Raum: Männer mit Reifröcken, aus denen die Frauen herauskugeln, Soli, Duette, Trios, das hat Charme und schwingt mit höchster Musikalität, ob in Rachmaninow, Bach, Schostakowitsch oder Pärt.</P><P> Und zehn Supertänzer schwingen mit, allen voran Mikiko Arai, die für Sotos diesmal besonders schmelzigem Stil geboren scheint. Schade, wirklich, dass ein Pärchen als japanische Butoh-Tänzer mit kalkig weiß gepuderter Haut auftritt. Vielleicht ja wegen des Titels "Bajo Piel"/"Unter der Haut". Aber mit Sand- und Wasser von oben regnet auch eine Kitsch-Apotheose herab. <BR><BR>Oleg Ptashnikov trotzdem einfühlsam am Klavier. Ansonsten von Doderer, Kinsmaier und Brunnenkrant viele attraktive Räume & Kostüme. <BR></P>

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