Pro Blatt ein Tierleben

- Bertschi Triefnas und Mätzli Rüerenzumph sind ein Liebespaar, aber wahrlich kein schönes. Er dick und zudringlich, sie affengesichtig unter strähnigem Haar, so turteln die beiden auf einer Illustration am Ende des Prologs von Heinrich Wittenwilers spätmittelalterlichem deutschem Epos "Der Ring". Ein Musterbeispiel der didaktisch gelungenen Belehrung hat der Hofmeister der Verwaltung des Konstanzer Bistums um 1410 geschaffen: mittels satirischer Abschreckung. Denn das tölpelhafte Bauernpaar verhält sich genauso, wie man's eben nicht machen soll, um im höfischen Alltag, bei der Brautwerbung oder in Krisenzeiten bestehen zu können.

<P>Seinen Titel hat das Werk der Absicht zu verdanken, dass es umfassend und wertvoll wie ein Ring sein sollte. Zum besseren Verständnis vermutlich hat der Autor durch die Versanfänge der belehrenden Stellen eine rote Linie gezogen, durch die der bäuerlichen Satire eine grüne - eine literaturgeschichtliche Seltenheit. Zu betrachten ist sie derzeit in der Schatzkammer der Bayerischen Staatsbibliothek, die die einzige Handschrift des Werks neu erworben hat.<BR><BR>Im 18. Jahrhundert in die öffentliche Bibliothek der Herzöge von Sachsen-Meiningen gekommen, sollte das Pergament-Buch 1946 in die Sowjetunion transportiert werden und wurde gerade noch rechtzeitig aus einer Kiste gezogen, um im Thüringischen Staatsarchiv verwahrt zu werden. 2001 einigten sich Thüringen und das herzogliche Haus über die privaten und öffentlichen Interessen an "rückzuübertragenden Beständen". Auf Wunsch der herzoglichen Familie erhielt die Staatsbibliothek das Vorkaufsrecht.<BR><BR>Nun wurde der Neuankömmling in eine kleine Auswahl mittelalterlicher Bücher eingebettet, die die Entwicklung von der althochdeutschen Dichtung bis hin zur spätmittelalterlichen Dichtung skizziert. Die Mühe, den Begleitband zu studieren, lohnt sich: Da erfährt man vom Zusammenhang der berühmten Verse "Du bist min, ih bin din . . .", die am Ende des lateinischen Briefwechsels "Tegernseer Liebesgruß" (um 1180) stehen. Es ist nicht nur besonders monumental - es misst in der Höhe über einen halben Meter und kostete "pro Pergament-Blatt ein Tierleben", so Kuratorin Bettina Wagner. Es ist auch das nachweisbar erste Buch in Wittelsbachischem Besitz und somit "Ahnherr" dieser großartigen Sammlung.</P><P>Bis 24. August, täglich außer feiertags 10-17 Uhr, Do. bis 19 Uhr. Katalog: "Deutsche Literatur des Mittelalters." Bayerische Staatsbibliothek, München. 116 Seiten, 12 Euro.</P>

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