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Die gewagte Drahtseil-Zeltdachkonstruktion des Münchner Olympiageländes fasziniert bis heute.

Blau-Grün-Orange nicht Schwarz-Rot-Gold

Die Olympischen Sommerspiele von München 1972 werden heute oft auf das Attentat vom 5. September reduziert. Aber war da nicht mehr?

Die „heiteren Spiele“ sollten es sein, ein großes Völkerfest, ja sogar ein Demokratiefest, das die damals noch manifeste Erinnerung an die Nazi-Olympiade in Berlin 1936 tilgen sollte. Wenn das bis heute in der Erinnerung manchmal noch nachklingt, in der Generation der heute 60- bis 70-Jährigen, so liegt das auch an den klugen Olympia-Machern von damals. Die britischen Historiker Kay Schiller und Christopher Young haben über Planung und Ablauf der Spiele ‘72 eine fulminante Studie geschrieben – eine Analyse ohne nach Schlagzeilen zielende Effekthascherei, abgewogen und gerecht.

Als Olympia-Macher stellen die Autoren den deutschen NOK-Chef Willy Daume und den Münchner OB Hans-Jochen Vogel heraus, kühne Leute mit Visionen, die träge Institutionen schier überrumpelten mit ihrem Gestaltungseifer. Andere, weniger sympathische Protagonisten verschweigen sie nicht – und damit kommen die Autoren zu den weniger bekannten Aspekten der Spiele. Zum Beispiel zu Avery Brundage, ein Bau-Tycoon aus Chicago, IOC-Präsident von 1952 bis 1972, jener Mann, der nach dem Olympia-Attentat den berühmten Satz sagte: „The games must go on.“ Daume sagte über ihn: „Er war ja ein Nazi“, vor allem auch ein Antisemit. „Seine Geringschätzung für Juden wurde lediglich von seiner Bewunderung für Deutschland übertroffen“, schreiben die Autoren über ihn – was aber niemanden hinderte, den Sportfunktionär zu umgarnen. Brundage war für München, das zählte. Hans-Jochen Vogel wird sich wohl dennoch im Nachhinein für das Foto auf Seite 49 genieren, auf dem er als Münchner OB Brundage die Hand schüttelt.

Detailliert zeichnen die Autoren die Entwicklung nach, die zum Zuschlag für München führte. Die Entscheidung fiel 1966 in Rom, wobei die Deutschen in der Wahl ihrer Mittel zur Beeinflussung von wahlberechtigten IOC-Mitgliedern nicht zimperlich waren. Die Autoren lassen keinen Zweifel daran, dass dabei auch Geld floss – IOC-Mitglieder wurden zu Reisen eingeladen, die internationale Sportpresse konnte sich in dreitägigen Informationsbesuchen ein Bild von der Stadt machen. Selbstverständlich wurde alles gezahlt.

Besonders emsig verliefen die Bemühungen um südamerikanische und afrikanische Staaten, denen „im Rahmen der auswärtigen Kulturpolitik immer mehr sportliche Entwicklungshilfe“ gewährt wurde. Auch die sportliche Vorbereitung afrikanischer Athleten wurde unterstützt. Lagos in Nigeria etwa erhielt direkt von Daume eine Million Mark für die Vorbereitung sowie den Bau einer Tartanbahn, die aus demselben Material sein sollte wie im Münchner Olympiastadion. Auch wenn das letztlich kleinere Summen waren, so wurde doch den Entwicklungsländern signalisiert, dass die Gelder im Rahmen der üblichen Entwicklungshilfe künftig auch üppiger fließen könnten.

Doch Geld war nicht alles. Eindrucksvoll schildern Schiller und Young die eigene Ästhetik der Spiele, die bis heute nachwirkt und dazu beiträgt, dass „München 1972“ in der Erinnerung eben mehr ist als ein Blutbad. Das ist die eigentliche Stärke dieses Buches. Neben dem anfangs mit großer Skepsis begleiteten Stadionbau – die TU legte sogar ein Gutachten vor, das den Bau der gewagten Drahtseil-Zeltdachkonstruktion als nicht realisierbar einstufte – war für den optischen Stempel, den die Spiele abgaben, vor allem ein Mann mit großen Visionen verantwortlich: Otl Aicher (1922-1991).

Seine Gestaltungsphilosophie lief auf eine Art optimistisch gestimmte behutsame Moderne hinaus. Schon durch seine Herkunft (verheiratet mit Inge Aicher-Scholl, einer Schwester von Sophie Scholl) wurde deutlich, dass Aicher jeglicher Nazi-Vergangenheit unverdächtig war. Er personalisierte den Bruch mit „Berlin 1936“ – wenngleich der, wie die Autoren schreiben, auch in Aichers Konzeption nicht so total war, wie man heute meint. Daume und Vogel, Aicher und Daume, das waren kongeniale Duos. „Die Olympischen Spiele waren für Daume keine durch Organisation zu meisternde Aufgabe“, schrieb Aicher später. „Dafür gab es Fachleute. Er plante das Ereignis, die Erscheinung. Das, woran die Leute erinnert werden, wenn sie wieder zu Hause sind.“

Die von Aicher durchgesetzten leuchtenden Olympia-Farben – Hellblau, Grün, Silber, Weiß, Orange – waren eine bewusste Absage an Schwarz-Rot-Gold und erst recht an das dominierende Schwarz-Weiß-Rot vergangener Tage. Aicher entwarf die Piktogramme für die Sportarten und legte alles bis aufs Kleinste fest: Drucksachen, Plakate, Fernsehvorspanne, selbst die Eintrittskarten – alles erschien in seinen Formen und Farben.

Die Autoren haben auch ein großes Kapitel über den Terror eingefügt, kenntnisreich, abgewogen und die Behörden nicht total verdammend. Aber dagegen steht die große Wucht einer für eine ganze Generation einzigartigen Veranstaltung. Dadurch bekamen die Spiele ein Gesicht, das bis heute nachwirkt.

Dirk Walter

Kay Schiller, Christopher Young:

„München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland“. Wallstein, Göttingen, 380 S.; 29,90 Euro.

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