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Ein Sorgenkind von Daniel Oggenfuss ist Alfred Kubins Bild „Verpuppte Welt“. Es ist sogar etwas Farbe abgesprungen. Jeder Restaurator muss dann genau erwägen: Sichert er nur die Substanz oder versucht er, die Schäden auszubessern?

Der Blaue Reiter galoppiert wieder

München - Das Lenbachhaus zeigt ab 19. Juni eine Schau aus seinen Beständen des Blauen Reiters: alles Werke auf Papier. Daniel Oggenfuss, der verantwortliche Restaurator erklärt, was im Vorfeld zu tun ist - und worauf wir uns freuen können.

„Ich habe noch nie eine so große Grafik-Ausstellung gemacht“, so Daniel Oggenfuss, Diplom-Restaurator der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, der dort für Grafik, Fotografie und Neue Medien zuständig ist. Das Riesenprojekt, in dem er gerade steckt und dabei doch erstaunlich gelassen und heiter wirkt, will die allerschönsten Papier-Arbeiten aus der Künstlergruppe des Blauen Reiters im Kunstbau präsentieren (diese Zeitung ist der Medienpartner). 270 Aquarelle, Zeichnungen und Drucke werden wir genießen dürfen: eine Auswahl aus knapp 1000 solcher Blauer-Reiter-Werke und aus 600 Kubin-Blättern. Erschrickt man nicht, wenn man so ein Mega-Unternehmen schultern muss? Es komme auf den Vorlauf an, meint der gebürtige Schweizer Oggenfuss (Jahrgang 1968, Zürich). Hier sei man schon unter Druck gekommen, denn die Aktion sei kurzfristig angelaufen. „Aber das ist immer eine Sache der Organisation; und man holt sich Hilfe.“

Der Spezialist gibt aber zu, dass es nicht einfach sei, bei 270 Arbeiten den Überblick zu behalten. Daher habe man sich nur auf die notwendigen restauratorischen Maßnahmen beschränkt. Zeit für Tiefenforschung blieb nicht. „Das ist die frustrierende Seite, andererseits ist es toll, die Ausstellung durchzuziehen“, sagt Oggenfuss in den provisorischen Räumen an der Nymphenburger Straße. Dorthin wurden die Büros ausgelagert, denn die Lenbach-Villa wird bis Herbst 2012 umgebaut (daher sind die Gemälde nicht zu sehen). Auf großen, rollbaren Werkstatt-Tischen, unter großen, sehr hellen Lampen liegen auf sehr sauberem weißem Karton einige Kreide- und Tusche-Arbeiten, außerdem Aquarelle, eingeschlagen in säure- und möglichst zusatzfreies Papier. Daneben zierliche Gerätschaften, fein säuberlich aufgereiht wie beim Zahnarzt. Und in der Tat hat Daniel Oggenfuss einige derartige Metallinstrumente für seine Zwecke vereinnahmt. Natürlich fehlt nicht das Restauratoren-Vergrößerungsglas, das man sich auf die Brille klemmen kann.

Dass die Team-Arbeit im Lenbachhaus funktioniert, merkt man daran, dass der Restaurator genau über das Ausstellungskonzept Bescheid weiß: „Wir bieten ein ,Best of‘. Die Strategie ist die, dass alle Künstler, die im weitesten Sinne zum Blauen Reiter gehören, vertreten sind - neben Wassily Kandinsky und Gabriele Münter. Bei Jawlensky, Marc und Klee zeigen wir das Werk komplett. Das bedeutet: von Jawlensky drei, von Klee 35 Blätter, und zwar Zeichnungen und Druckgrafik. Bei Kandinsky und Münter haben wir uns entschieden, keine Druckgrafik mehr zu präsentieren, da beides schon umfassend vorgestellt wurde. Von Münter werden 40 Aquarelle und Zeichnungen und von Kandinsky 74 zu sehen sein.“ Unter all diesen Schätzen sind Kunstwerke, die nie oder fast nie in der Öffentlichkeit waren. Auch unbekannte Namen tauchen auf wie Eugen Kahler, der einen wuselnd bestückten „Liebesgarten“ in aufregender Mischtechnik geschaffen hat. Vorsichtig dreht Oggenfuss das Blatt um. Kandinsky selbst hat die Rückseite beschriftet und seinen Stempel angebracht. Dieses Blatt war es ihm also wert, in eigenen Besitz genommen zu werden.

Aus solchen Gründen wurden alle Exponate von vorn und hinten fotografiert. Ihre Geschichte und Herkunft soll sichtbar bleiben (Katalog!), wenn sie nun nach und nach auf Karton und grau getöntem Halbkarton ruhen, umfasst von Passepartouts - die alle neu gemacht werden (zum Teil von Oggenfuss selbst) - und ebenfalls neuen Rahmen. Befestigt werden die bezaubernden Preziosen immer so, dass man sie wieder ablösen kann, hier mit kleinen Falzen aus bestem Japanpapier und Weizenstärke. Die Verglasung ist nicht nur entspiegelt, sondern schluckt zugleich 90 Prozent des UV-Lichts. Neben der Feuchtigkeit (ideal: 50 Prozent) ist das Licht der größte Feind der Grafik. „Aquarelle sind sehr empfindlich“, erklärt Oggenfuss und deutet auf einen Entwurf Kandinskys für den Almanach „Der Blaue Reiter“. Zehn solche Entwürfe werden ausgestellt. „Die sind so frisch, als wären sie gestern gemalt worden. Licht macht Aquarellfarben schnell stumpf, die Leuchtkraft ist dann weg.“ Weiteres UV-Licht wird durch Folien an den Lampen abgefangen. Die Lichtkraft, in Lux gemessen, wird im Kunstbau konsequent auf 50 Lux beschränkt. Zum Vergleich: Gemälde können 250 Lux aushalten; an einem Sonnentag herrschen 100 000 Lux.

Für die Inszenierung der imposanten Grafik-Ausstellung hat sich Lenbachhaus-Chef Helmut Friedel etwas Besonderes einfallen lassen. Er und Blauer-Reiter-Spezialistin Annegret Hoberg wollten keine einheitlichen Wechselrahmen. Das wäre zu langweilig geworden, so Oggenfuss. Jedes einzelne Blatt musste deswegen aus dem alten Passepartout herausgenommen und die alten Montagen (Befestigung auf dem Untergrund) entfernt werden. Etwaige Wellungen ebnete Daniel Oggenfuss sanft wieder ein, ohne das Papier zu sehr zu pressen: „Es soll ja noch leben.“ Da man eine individuellere Rahmung anstrebte, mussten auch die Passepartouts in drei bis vier Formaten geschnitten werden. Mit dem Thalkirchner Rahmenmacher und -sammler Werner Murrer hat die Städtische Galerie einen Kenner gefunden. „Über Rahmen Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es kaum Material“, so Oggenfuss. Murrer habe hier weiterhelfen können. Jetzt habe man sich für schlichte, zum Teil farbig gefasste Rahmen entschieden mit dezentem Profil: „Wir haben alle (!) Blätter zusammen mit zehn Rahmenprofilen angeschaut, um die endgültige Auswahl zu treffen. Wir hoffen, dass das dann zusammen ein ganz tolles Bild in der Ausstellung gibt. Das ist schon schwer für die Kuratoren...“

Obwohl der Restaurator die einzelnen Blätter „nicht eingehend beforschen“ konnte, bestimmte er dennoch Technik (etwa Tuschfeder) und Papier (zum Beispiel im Westen nachgemachtes Japanpapier). Natürlich musste er sich auch um Sorgenkinder kümmern. Bei Alfred Kubins „Verpuppter Welt“, eine Art ausgeflippter Horror-Fisch, zeigt er auf winzige „Ausbrüche“ (abgesprungene Farbe), die unsereins glatt übersehen hätte. Und auf eine Krakelee-Stelle (dünnste Risse in der Farbe), „die ich schon gefestigt habe“. Dazu wurde vernebelter (Aerosol), gezielt eingesetzter Störleim verwendet. Da schmunzelt Daniel Oggenfuss: „Das ist eben die Kunst, in der allgemeinen Hektik die Ruhe zu finden.“

Simone Dattenberger

Information:

„Der Blaue Reiter. Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik aus dem Lenbachhaus. Ein Tanz in Farben“ läuft vom 19. 6. bis 26. 9. im Kunstbau.

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