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„Diese Pinselarbeit!“: Selbst Lenbachhaus-Direktor Helmut Friedel macht in der Kandinsky-Ausstellung immer wieder Entdeckungen.

Lenbachhaus und Kunstbau

Der Blaue Reiter geht auf Reisen

Museumschef Helmut Friedel über die Kandinsky-Schau, internationale Großprojekte und den kommenden Umbau

Die Ausstellung mit den besten Werken von Wassily Kandinsky (1866-1944), „Absolut. Abstrakt“, im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses ist ein gewaltiger Erfolg. Morgen wird der 200 000. Besucher erwartet. Und, welch Glück, die Schau wird bis zum 8. März verlängert. Die Gemälde wandern dann nach Paris und New York. Ermöglicher dieser Höchstleistung sind Lenbachhaus-Direktor Helmut Friedel – die Stadt verlängerte gerade seine Amtszeit über die Pensionsgrenze hinaus – und sein exzellentes Team. Jetzt gerade ist er stolz auf Marion Ackermann und Susanne Gaensheimer. Beide Kuratorinnen, die bei ihm ihr Profil schärfen konnten, sind oder werden Museumschefinnen in Düsseldorf und Frankfurt.

-Sie haben mittlerweile die Erfahrung von mindestens zwei Großprojekten, Marc und Kandinsky, die zugleich marketingtechnisch professionell aufgezogen und richtige Publikumsrenner waren. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Der Erfolg ist enorm. Ich glaube, was wir richtig gemacht haben, ist, dass wir authentisch geblieben sind. Die Ausstellungen haben immer etwas mit unserem Haus zu tun und sind nicht nur „eingekauft“. Insofern war die Franz-Marc-Ausstellung ein Vorläufer der Kandinsky-Präsentation. Jene entstand aus dem Werkverzeichnis, das bei uns erarbeitet wurde. Bei Kandinsky haben wir mit anderen kooperiert. Aber auch hier gilt: Wir geben Kandinskys Schriften, Zeichnungen oder Theatertexte heraus. Die wissenschaftliche Kompetenz ist ans Haus gebunden. Wir haben die Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou und dem Guggenheim-Museum hinbekommen: Die haben uns überraschenderweise nicht nur die Arbeit überlassen, sondern auch den Ausstellungs-Vortritt gelassen. Das zeigt deren Wertschätzung.

-Gibt es überhaupt Probleme?
Ja, weil die Menschen nur noch auf Sensationen warten. Aber die kann man nicht ständig kreieren. Wir haben für uns festgelegt, dass wir solche Großprojekte nur alle zwei, drei Jahre planen. Die Besucherzahlen kann man nicht endlos steigern. Es gibt Sicherheitsauflagen, die das ohnehin für unsere Räumlichkeiten verhindern. Mehr als 500 Personen auf einmal dürfen nicht eingelassen werden. Aber wenn uns bis zum Ende der Ausstellung rund 350 000 Menschen besucht haben werden, dann ist das etwa ein Viertel der Münchner Bevölkerung! Wo gibt’s das sonst?

-Was lieben Sie an „Absolut. Abstrakt“ besonders?
Die Kandinsky-Ausstellung fasziniert mich immer noch, obwohl ich häufig durchgehe. Es lässt sich stets Neues entdecken, insbesondere was für ein intensiver Maler Kandinsky war – diese Pinselarbeit! Ich bin richtig glücklich, die Schau so lange hier zu haben.

-Großausstellungen, Entdeckungen machen, Bildungsauftrag, Sammeln, Bewahren, Freizeiteinrichtung – viele Ansprüche! Wie muss das Museum der Zukunft aussehen?
Ein Aspekt ist, dass wir noch mehr fürs Publikum tun müssen, damit sich die Menschen wohlfühlen. Dazu gehören neben Laden und Café Veranstaltungsräume für Filme, Vorträge und dergleichen; die Bibliothek muss über einen Lesesaal zugänglich sein; und die Öffnungszeiten müssen weit über 18 Uhr ausgedehnt werden. Ein Museum sollte bis Mitternacht ein lebendiger Ort sein.
Eine große Aufgabe ist die Bildung. Bisher konnten wir beim Publikum gewisse Bildungsstandards als vorhanden voraussetzen. Heute werden die in Familie und Schule nicht mehr selbstverständlich vermittelt. Das zwingt alle Museen zu mehr Dialog mit der Gesellschaft, mit allen Gruppen und ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. All das soll natürlich nicht schulisch sein – wir wollen ein Forum für Fragen und Antworten bieten.

-Das Lenbachhaus schließt im März wegen Um- und Anbau. Werden Teile der Dauerausstellung im Kunstbau zu sehen sein?
Nein. Wir haben uns dazu entschlossen, die permanente Sammlung dort nicht provisorisch unterzubringen. Das Haus und die Sammlung gehören so eng zusammen, dass wir sie nicht an einem anderen Ort zeigen wollen. Sie wird reisen. Der Blaue Reiter zunächst ins Baden-Badener Museum Frieder Burda, dann ins Ausland. Wir sind mit Japan im Gespräch und anderen, aber definitiv ist noch nichts. Hinzu kommt, dass wir mit diesen Tourneen Geld in die Sammlung bringen, um bei der Wiedereröffnung mit Überraschungen aufwarten zu können. Außerdem stärken diese Reisen unsere internationale Vernetzung. Natürlich tut’s mir leid für die München-Besucher, die keinen Blauen Reiter vorfinden.

-Wie wollen Sie die Bauzeit überbrücken, was die Ausstellungstätigkeit angeht? Wie überlebt das Museum die drei Jahre?
Wir werden im Kunstbau aktiv tätig sein. Ohne diese Präsenz stünden wir schlecht da. Auf die aktuellen Künstler Monica Bonvicini und Tom Burr folgt Erwin Wurm, auch ein internationales Projekt. Mit dem Team bin ich noch in Diskussionen: Wir denken an Gabriel von Max (1840-1915; spezialisierte sich in seinem späteren Schaffen auf Affen, Anm. d. Red.). Es soll keine reine Affen-Schau werden, die Komplexität des Malers wird gewürdigt. Oder: Das Werkverzeichnis der Gemälde von Gabriele Münter wird gerade erarbeitet. Da bietet sich eine Ausstellung sowieso an. Junge zeitgenössische Positionen verfolgen wir natürlich weiterhin. – Und dann planen wir schon die Neueinrichtung...

-Die Fassadengestaltung des Norman-Foster-Entwurfs für den Anbau steht noch nicht fest. Man konnte sich nicht einigen. Was würden Sie bevorzugen?
Es gibt Fortschritte, jedoch noch keine Lösung. Das Baureferat und die Nutzer, also das Museum, und der Architekt sind noch nicht in Übereinstimmung. Ich bin immerhin beruhigt, dass er von einer Naturstein-Verkleidung abgekommen ist. Das würde sich zu sehr an die klassizistischen Bauten des Königsplatzes anlehnen. Mit der Villa sind wir aber im bürgerlichen Milieu. Jetzt wird es eine Putzfassade geben in derselben Farbigkeit wie das Lenbachhaus. Aber wie die diskutierte Fassaden-Haut aussehen soll...?

-Die Wirtschaft steuert auf eine Rezession zu. Wird es für das Lenbachhaus schwerer? Bemerken Sie schon Spenden- und Sponsorenzurückhaltung?
Nein, bisher nicht. Im Übrigen: Wir haben eh keinen Ausstellungsetat, und einem Nackerten kann man nicht in die Tasche langen. Wir erwirtschaften selbst, was wir für Ausstellungen brauchen, und werden von Sponsoren unterstützt. Vielleicht erzwingt die Rezession die Konzentration aufs Wesentliche. Kunst gibt es immer, und sie findet immer ihre Möglichkeiten.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

Ausstellungsverlängerung

bis 8. März, geöffnet täglich außer Mo. von 10 bis 22 Uhr. Wegen des Andrangs empfehlen sich die Abendstunden; 089/23 33 20 00, www. kandinsky-muenchen.de

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