Wo blaues Blut aus der Frauenbrust sprudelt

- Die Kamera gleitet mit dem gemächlichen Schweben einer Unterwasseraufnahme über ein Korallenriff, seine Strukturen, seine Bewohner, die als kleine Schwärme meist in Bewegung sind, und über seine Pflanzen. Entspannend ist das Schauen auf eine eher fremde Welt, in der immer etwas vor sich geht - aber ohne große Erregungen, Aktionen. Nur kleine Irritationen haken sich in die Betrachter-Gelassenheit.

<P>Das Riff aber ist bei dem mittlerweile hoch gehandelten niederländischen Videokünstler Aernout Mik (Jahrgang 1962) ein banales Großraumbüro mit den üblichen Plastikmöbeln, Zimmerpflanzen und transparenten Trennwänden. Die Installation "Dispersion Room" ist der Ausgangspunkt der von Stephanie Rosenthal kuratierten Ausstellung "Aernout Mik: Dispersionen" im Münchner Haus der Kunst.<BR><BR>Auch wenn der Künstler Zerstreuung, Zerfaserung als Thema aufgreift, ist seine Arbeit konzentriert, durchdacht und genau. Das gilt nicht nur für die Filme selbst, sondern auch für deren Präsentation. Er hat das Problem der muffeligen Video-Kabuffs auf seine Weise gelöst. Mik, den Räume und ihre Bezugssystem ohnehin interessieren, baut sich seine eigene Architektur: immer angepasst an oder im Widerstand zu der vorgefundenen. Da ist das Haus der Kunst ein gewaltiges Ambiente. In die großmächtige "Ehrenhalle", zum Teil entzaubert durch Kabelstränge und vermauerte Türen, hat er ein echtes Büro platziert. Der Realismus zerbröckelt sogleich in der menschenleeren Inszenierung, und die Möbel wurden obendrein auf Kinderhöhe gestutzt. <BR><BR>Die Wirklichkeit scheint es nur auf den breiten Videoflächen zu geben. Zwei Kameras nehmen gleichzeitig das Büro auf, dokumentieren, konstatieren. Sie fangen kleine erzählerische Elemente ein, dann wieder, gewissermaßen phänomenologisch, nur die Dinge an sich. Plumper Big-Brother-Pseudorealismus ist das gewiss nicht. Zwei Kameramänner, mit denen Mik immer zusammenarbeitet, filmen das Geschehen. Auf zwei weit gespannten, in die Installations-Wände eingelassenen Folien kann der Betrachter es, stets leicht versetzt, verfolgen: Schreibtischarbeit, Tischunterseiten, Aktentragen, Betonplafond, Besuchergruppe, Wasserspender, Handwerker, Mülleimer - und plötzlich Nasenbluten beim Chef. </P><P>Aernout Mik dirigiert nach einigen vorher festgelegten Ideen seine Crew von Schauspielen und Laien unmittelbar im Handeln. So entsteht ein Film und darüber hinaus eine Kunst-Installation, die wie die Fischschwärme im Korallenriff im Wechsel blinken: mal wirklich, mal unwirklich. Miks künstlerische Intelligenz und die Grenzüberschreitung von einer Gattung zur anderen erinnern dabei sehr an den Video-Klassiker James Coleman.<BR><BR>In den lang gestreckten Galeriesälen des Obergeschosses setzt sich die klug konzipierte Schau fort. Bei diesen früheren Arbeiten tritt das surreale Element stärker hervor. Hier spritzt blaues Blut aus Frauenbrust ("Lick"), dort liegt ein Männerkopf auf dem Tisch im Möbellager ("Fluff"). Dazu 40er-Jahre-Wohnzimmermöbel "live" aus den Katakomben des Hauses der Kunst. Mal auf geschwungenen, mal auf Zickzack-Wänden wird "Dispersion" variiert: Kinder zerfetzen Kartons ("Zone"), Erwachsene versauen einen Großmarkt mit dessen Inhalt ("Pulverous"). Der Künstler zeigt das aber nicht als lustvolles Unordnung-stiften, sondern als missmutig absolviertes Schuften, ähnlich wie das Hüpfen im "Park" oder Warten in "Flock". Ob Freizeit- oder Reise-Spaß: Aernout Mik dreht und wendet diese Verhaltensmuster so lange, bis das Vertraute zu einem befremdlichen Ritual wird.</P><P>2. Juli -12. September, Katalog, DuMont Verlag: 27 Euro, Tel. 089/ 21 12 70.<BR></P>

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