Ich bleibe doch ein Sänger

- Einer der größten Klarinetten-Virtuosen unserer Zeit, und ein Weltmusiker dazu: Die Voraussetzungen dafür wurden Giora Feidman schon in die Wiege gelegt. 1936 kam der Sohn jüdischer Einwanderer in Argentinien zur Welt - seit drei Generationen hatte seine Familie bereits Klezmer, die traditionelle jüdische Volksmusik, betrieben. Feidman trug mit seinem unverwechselbar singenden Klarinettenspiel maßgeblich zur Renaissance der Klezmer-Musik bei. Heute abend gibt der Künstler im Rahmen von Festspiele gemeinsam mit Uri Caine am Klavier und Alan Bern am Akkordeon im Münchner Nationaltheater ein Benefizkonzert (21.30 Uhr) zugunsten des Jüdischen Zentrums am St.-Jakobsplatz.

<P>Es wird bei dem Benefizkonzert das erste Mal sein, dass Sie drei miteinander spielen. Wann proben Sie?<BR><BR>Feidman: Ich hoffe, überhaupt nicht.<BR><BR>Warum?<BR><BR>Feidman: Es ist einfach das Beste, mit den Jungs auf die Bühne zu gehen und  zu spielen. Das Proben ist etwas für die Philharmoniker oder die klassischen Musiker. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin nicht generell gegen Proben, aber in diesem Fall ist es besser, möglichst unvorbereitet aufzutreten und so viel wie möglich zu improvisieren.<BR><BR>Es gibt keinen Plan, kein vorheriges Treffen?<BR><BR>Feidman: Natürlich, irgendjemand hat auch einen Ablaufplan, aber nicht ich. Das klingt seltsam, oder? <BR><BR>Ein bisschen . . . <BR><BR>Feidman (lacht): Was kann ich machen? Also, so ungewöhnlich ist es nicht. Wir leben für die Improvisation. Improvisation ist nur ein anderes Wort für Freiheit, und Freiheit ist ein anderes Wort für Musik.<BR><BR>Aber Sie haben doch einst auch Ihre eigene Karriere als "klassischer" Musiker begonnen.<BR><BR>Feidman: Das stimmt nicht ganz. Als ich mit 21 als Solo-Klarinettist ins Israel Philharmonic Orchestra eintrat, da hatte ich zuvor schon jahrelang mit meinem Vater auf jiddischen Hochzeiten Musik gemacht. Und das war eine Schule fürs Leben: Wir fingen um neun, zehn Uhr abends an zu spielen und hörten morgens um vier, fünf Uhr auf. Was die Zuhörer anging, man ging natürlich zu Hochzeiten in erster Linie, um  zu essen oder zu fressen. Dann kamen wir Musiker und mussten es irgend wie schaffen, die Leute aus ihrer Fixierung aufs Essen herauszulösen und ihnen sozusagen spirituelle Nahrung zu geben. Das war kein stilles Publikum, das andächtig zuhört, die waren nur still, wenn sie gerade den Mund voll hatten. Unter solchen Umständen lernt man schnell, wie man überzeugend Musik macht. Aber das hat nichts mit Künstlerdünkel zu tun, der Künstler als  besserer Mensch oder so. Mein Vater sah uns immer als Diener an der Gesellschaft, immer in der Verantwortung, geistige Nahrung zu teilen.<BR><BR>Wozu Sie zu Ihren eigenen musikalischen Wurzeln, zum Klezmer, zurückgekehrt sind . . .<BR><BR>Feidman (grummelt): Sehen Sie, es gibt nur eine Sprache, die wir Musik nennen, so wie es nur eine Familie gibt, die menschliche. Alle die Bezeichnungen, Klassik, Folklore, Jazz, das sind alles künstliche Begrenzungen. Musik ist eine Naturgewalt, und unser Körper nur das Mittel, durch das diese Naturgewalt nach außen dringt. Der Körper ist das Instrument des Singens. Wenn ich meine Klarinette in den Mund nehme, bleibe ich doch ein Sänger. Das bedeutet das hebräische Wort "klej zemer": der Körper als Instrument, um zu singen. "Klezmer", das ist nicht mehr als ein Lebenskonzept, bei dem sich der Mensch bewusst ist, dass Singen und Tanzen lebensnotwendig sind und nicht nur Essen und Schlafen.<BR><BR>Was bedeutet es für Sie, an diesem Benefizkonzert für das Jüdische Zentrum mitzuwirken? <BR><BR>Feidman: Ich bin innerlich sehr beteiligt. Ich fühle mich in Deutschland zuhause, als Jude. Was die Geschichte betrifft: Kein Kind, das heute geboren wird, ist dafür verantwortlich, was seine Vorväter getan haben. Trotzdem haben wir eine Verantwortung, die für die Gegenwart, dafür, dass wir jetzt als menschliche Wesen in Frieden zusammenleben. Dafür sind wir geboren worden. Deshalb ist es ganz wunderbar, dass vor allem auch die jungen Leute, Juden und Deutsche, dieses Projekt des Jüdischen Zentrums gemeinsam betreiben. Und darum bin ich gerne mit dabei.</P><P>Das Gespräch führte Andreas Grabner<BR></P><P>Im Interview wechselt Feidman vom Englischen ins Deutsche</P>

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