Wir bleiben ihm fern

- Einer der meistbeschäftigten, erfolgreichsten Gegenwartskomponisten ist Jörg Widmann - und das in allen Sparten vom Solo-Werk bis zur abendfüllenden Oper. Der 33-Jährige ist überdies ein gefeierter Klarinettist. Mit Mozart hat sich Widmann daher durch seine kompositorische Arbeit und als Solist auseinander gesetzt.

Mozart meinte oft: "Ich habe alles im Kopf, es muss nur noch aufgeschrieben werden." Ist so etwas vorstellbar?

Jörg Widmann: Ja. Was aber tröstlich ist für uns kleine Komponisten: Es gab wenigstens noch den Schritt der Instrumentation. Von Beethoven existiert dagegen Skizzenmaterial, das zeigt: Anfangs war der Einfall nicht so genial. Seine Symphoniesätze sind oft Kämpfe, die uns in seine Werkstatt schauen lassen. Bei Mozart bleibt ein Geheimnis. Man kann ihm nicht jeden kompositorischen Schritt nachweisen. Eines allerdings hat ihn offenbar angestrengt: der Kontrapunkt, Fugenverläufe à` la Bach. Ist so etwas in den Skizzen vorbei, scheint man ein "Puh, das war's" zu spüren. Erst in den Spätwerken wie der Jupiter-Symphonie lässt er sich vollkommen auf den Kontrapunkt ein und überwindet ihn für sich.

Wird Mozarts Charakter in seiner Musik spürbar?

Widmann: Es gibt offenkundige Nicht-Übereinstimmungen zwischen gerade erlebter Biografie und Werk. Wenn er etwa nach dem Tod der Mutter explizit heitere Stücke schreibt. Wir finden auch im Manuskript des erschütternden c-moll-Klavierkonzerts an der Seite lustige kleine Gesichter gemalt. Das ist überhaupt das Uneitelste an Mozart: Man spürt nie, dass er etwas für die Nachwelt sagen will. Dass er sich, wie Adorno über Beethoven meinte, "an die Menschheit" wandte. Mich interessieren bei Mozart vielmehr diese kleinen Eintrübungen nach Moll. Er bietet die Gleichzeitigkeit von Positiv und Negativ, von Licht und Schatten. Das macht es so schwer. Je länger man ihn kennt, desto schwerer ist er zu spielen.

Kommen wir Mozart näher durch das Gedenkjahr?

Widmann: Wir bleiben ihm genauso fern wie vorher. Mein Musikwissenschafts-Professor Gernot Gruber meinte auch immer: "Ich kann mir diesen Kerl physisch einfach nicht vorstellen." Aber das ist doch gerade das Faszinierende an dieser Person. Dafür rührt mich manches sehr bei Mozart, etwa die Bedeutung der Gnade in seinen Opern. Die er selbst auf den ersten Blick negativen Figuren zuteil werden lässt. Er verurteilt niemanden.

Und seine Musik ist nicht zu missbrauchen. Gerade wenn man an "Festaufführungen" denkt, an Spektakel mit Beethovens Neunter oder Wagners "Meistersingern".

Widmann: Darüber sprechen wir nach dem Mozartjahr noch einmal. Aber es stimmt. Nehmen wir den Militärmarsch aus "Così` fan tutte". Den kann man für kein Gelöbnis verwenden. Er ist zu kurz, zu ironisch. Mozart nimmt das Militär ernst, reflektiert aber gleichzeitig darüber. Ebenso wie im "Figaro". Sein Thema ist die Humanität, der einzelne Mensch: Wie will man damit irgendein Gepränge inszenieren?

Aber gerade wegen der Bedeutung der Humanität ist doch der Mozart-Exzess in diesem Jahr gar nicht so schlecht.

Widmann: Wenn es in hundert Jahren noch so etwas wie Musikkultur gibt, dann rangiert Mozarts Werk an vorderster Stelle. Man kann ihn gar nicht oft genug spielen. Mich interessiert aber auch die Verbindungslinie zu anderen Komponisten. In Augsburg erklingt heute neben dem Klarinettenkonzert ein Stück von Wolfgang Rihm. Das dürfen wir auch im Mozart-Jahr nicht vergessen: Tradition ist etwas, das durch Novitäten am Leben erhalten werden muss.

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