Er ist und bleibt der "Boss"

- Wer immer da am anderen Ende des Handys war - dieses Telefonat wird er wohl nie wieder vergessen. Kein Geringerer als Bruce Springsteen schrie nämlich eine komplette Strophe von "Ramrod" direkt in ein Handy, das er bei der Zugabe einem Fan in der ersten Reihe abgenommen hatte. Der arglose Mensch hatte es für eine private Direktübertragung in die Luft gereckt. Das Publikum in der ausverkauften Münchner Olympiahalle quittierte das mit frenetischem Jubel.

Der eine oder andere in der Menge mag sich zuvor während des Abends ob der Ernsthaftigkeit Springsteens gefragt haben, ob der Mann noch für profanen Spaß zu haben ist. Natürlich ist er das - die Schwäche für spontane Einlagen ist Springsteen nicht abhanden gekommen. Aber Springsteens Solo-Konzert unterschied sich deutlich von früheren Auftritten. Experimentierfreudig bis zur Exzentrik präsentierte sich der "Boss", der für rauschende Stadionkonzerte berühmt geworden ist. Aber auch mit 55 Jahren verspürt Springsteen nicht die geringste Lust, als lebende Legende durchs Land zu tingeln und seine Hits abzupulen.<BR><BR>Stattdessen eröffnet er ambitioniert an der Orgel mit einer sphärischen Version von "Into the Fire" und verstört dann nachhaltig mit einer wüsten Interpretation von "Reason to believe" aus seinem sagenumwobenen "Nebraska"-Album (1982).<BR><BR>Nur mit wütender Mundharmonika, verzerrter Stimme und stampfenden Füßen erzeugt er einen eigenwilligen, aber faszinierenden Klang. Und in diesem Stil geht es immer weiter. Ob an der Gitarre, am Klavier oder dem Elektro-Piano - ständig überrascht Springsteen mit teils spleenigen, teils aufregenden Einfällen. Unerschrocken erkundet er seine Kompositionen, gewinnt ihnen neue Nuancen ab und sucht immer nach dem besonderen Klang, der ihn von all seinen Epigonen und Nachahmern unterscheidet.<BR><BR>Das ist über weite Strecken atemberaubend gut, nicht zuletzt weil Springsteen auch an seinem Gesang gearbeitet hat und Mut an den Tag legt. Wie er beispielsweise unvermittelt ins Falsett wechselt und das sicher hält, macht ihm so leicht kein anderer nach. Springsteens riskantes Konzept geht auf: Das Auditorium reagiert begeistert und feiert besonders die neuen Lieder. Springsteen freut es sichtlich - er bleibt der "Boss".<BR><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Hamlet ist Richter und Henker“
München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer …
„Hamlet ist Richter und Henker“
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht

Kommentare