23 Tote bei Angriff auf Bus mit Christen 

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Bleibt uns vom Leib

- "Sehr geehrte Chefredakteure, Programmleiter, Fernsehdirektoren, Eventdenker, Kaufhauschefs! Sehr verehrte Planer von Freizeitparks, Loveparades, Expos und all dem anderen Nonsens! Lasst die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes Ich-Fenster, aus dem wir noch ungestört, weil unkontrolliert in die Welt schauen dürfen! Hört auf, uns mit euch bekannt zu machen! Hört auf, euch für uns etwas auszudenken! Sagt uns nicht länger, was wir wollen! Bleibt uns vom Leib, schickt uns keine portofreien Antwortkarten und gebt uns keine Fragebögen an die Hand, interviewt uns nicht, filmt uns nicht, lasst uns in Ruhe! Lasst uns herumstehen, denn Herumstehen ist Freiheit! Und gebt euch zufrieden damit, wenn wir das, was uns interessant vorkommt, vielleicht niemandem erzählen wollen."

<P>So Wilhelm Genazino, als er jetzt in Darmstadt mit dem Georg-Büchner -Preis ausgezeichnet wurde. Das Präsidium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung würdigte den 61-Jährigen, in Frankfurt lebenden Schriftsteller als "unbändigen Komödianten mit der barmherzigen Seele, der unsere Zeit belauscht und ausspäht". Der "detailversessene" und "eigensinnige" Autor verfüge über eine "wunderbar musikalische Prosa". Der Preis ist mit 40 000 Euro dotiert.<BR><BR>In seiner Dankesrede machte sich Genazino Gedanken über die Untröstlichkeit der Literatur, die er mit einem Gebet verglich. In beiden Fällen "handelt es sich um leidenschaftliche Einreden, Bitten, Vorschläge, die einzelne Menschen an übermächtige Instanzen richten: an die Wirklichkeit, an die Geschichte, an die Gerechtigkeit." In beiden Fällen sei auch "eine Einsicht in die Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen vorhanden". So stecke in jedem Buch die Einsicht in einen Mangel, sagte Genazino. "In der Literatur - und nur in der Literatur überlebt die Sehnsuchtswirtschaft der Menschen."<BR><BR>Den Namensgeber des Preises, Georg Büchner, beneidete Genazino um seine "traumhafte Gewissheit von der eingreifenden Wirkung von Literatur". Immerhin sei er für seine im Hessischen Landboten veröffentlichten Artikel steckbrieflich gesucht worden. Seine Theaterstücke, die sich immer um die Frage des Scheiterns drehten, seien bis heute modern. Vor allem der Umgang von "Leonce und Lena" mit der Langeweile sei vorbildlich. Die beiden literarischen Figuren versuchten die Langeweile nicht zu vertreiben, sondern nähmen sie an. "Von dieser Errungenschaft sind wir meilenweit entfernt", sagte Genazino mit Blick auf die aktuelle Freizeit-Industrie.<BR><BR>Literaturkritiker Helmut Böttiger bezeichnete in seiner Laudatio das Werk Genazinos als Psychogeschichte Deutschlands: "Er kriecht in die Eingeweide der Bundesrepublik, er seziert das, was man früher ,Kleinbürgertum genannt hat."<BR><BR>"Wir Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. Unsere Erlebnisplaner haben sie zu unserem Feind erklärt. Als Ersatz bieten sie uns hochdosierte Fremdunterhaltung an: die permanente Fernsehshow, die Massenparty, der Urlaub, die Promiskuität, der Konsum - und so weiter." <BR>Wilhelm Genazino</P><P>Dabei gelinge dem Autor ein Wunder: Er registriere unbestechlich die absurde und lächerliche Unwirtlichkeit des Alltags. "Und dennoch schlägt man das Buch zu und hat das Gefühl, dass das Leben eigentlich ganz schön ist." Mit seinen Alltagshelden betreibe Genazino "Subversion" gegen gesellschaftliche Trends. "Dazu gehört auch, dass er mit der Schreibmaschine schreibt." Damit spüre er selbst den Widerstand, von dem er immer erzähle.<BR><BR>Für sein unspektakuläres Vokabular lobte die Kulturstaatsministerin Christina Weiss den Preisträger. Damit gehe er so virtuos um, dass er die Leser begeistere. Seine scharfe Beobachtungsgabe lasse den Alltag als "seltsam fremde Welt" erscheinen.<BR><BR>Die Akademie zeichnete außerdem zwei weitere Autoren aus: den Historiker Karl Schlögel mit dem Sigmund-Freud-Preis und die Schriftstellerin Anita Albus mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis.<BR></P><P><BR> </P>

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