Jagd nach Wild und Frau: Georg Jennerwein (Leo Reisinger, 2. v. l.) verliebt sich ins Agerl (Stefanie von Poser) und verliert dadurch seinen ehemals besten Freund, Johann Pföderl (Maximilian Pfnür, r.). Im Hintergrund: Jäger Lerchenauer (Rudi Gall). Fotos: Marc Gilsdorf

Es bleibt der Traum vom Happy End

Garmisch-Partenkirchen - Premiere beim Kultursommer Garmisch-Partenkirchen : „Der Wildschütz Jennerwein“ überzeugt mit vertrauten Heimatklängen und fetzigem Schauspielmusik-Blues.

„Ein stolzer Schütz in seinen schönsten Jahren, er wurde weggeputzt von dieser Erd.“ Nicht nur die traditionelle Volksmusik, sondern beinahe jeder, der sich auch nur einen Hauch mit bajuwarischer Historie beschäftigt hat, kennt die tragische Geschichte um den Gesetzes- wie Herzensbrecher, um den mit allerlei Mythen umrankten Volkshelden Georg Jennerwein. Die größte Leidenschaft und Sehnsucht des berühmten Girgl vom Schliersee war die Wilderei, seine bevorzugte Beschäftigung Pirsch und Schuss auf Gams, Reh und Hirsch. Sein schneidiges Auftreten, sein rebellisches Gemüt, seine soziale Verantwortung für bitterarme Hungerleider ließen seinen Ruf wie Donnerhall durchs Tegernseer Tal schallen.

Auch heute noch bedient man sich auf der Theaterbühne gern seines Echos. August Löw hat für den Kultursommer Garmisch-Partenkirchen eigens eine neue Fassung dazu erstellt, die in der eindrücklichen Naturbühne neben dem Berggasthof „Panorama“ am Wank ihre Premiere fand. Auf Spektakuläres hat Regisseur Harald Helfrich vom Chiemgauer Volkstheater verzichtet. Der Abend gewinnt vielmehr durch Reduktion und Kombination. Im schlicht-stimmigen Bühnenbild stellt er den professionellen Schauspiel-Protagonisten das authentisch wie schwungvoll agierende Laienensemble des Partenkirchner Bauerntheaters an die Seite.

Aus der Jennerwein-Hymne entwickeln Jens Zerle an Bass, herrlich wubbernder Tuba und Gitarre sowie Jesse Thompson mit cooler E-Gitarre, Klampfenklängen wie Saxophon eine kongeniale Mischung zwischen vertrauten Heimatklängen und rockig-fetzigem Schauspielmusik-Blues. Es ist vor allem diese Musik, die eine enorme Dichte transportiert und sich dabei doch nie in den Vordergrund drängt. Ozzy Thompson als Gspusi vom Girgl hält mit ihrer soulig dunklen Stimme als blühende Sänger-Erzählerin die Handlung moritatenhaft in Gang.

Der Zugriff auf das Drama bietet eine gesunde Mischung aus bodenständig erfrischendem, sauber gearbeitetem Volks- wie packendem Emotionstheater, augenzwinkernder Persiflage und schrägem Humor, der auch die sittlichen Verfehlungen der Obrigkeit zum Amüsement des Publikums gekonnt schrill ans Licht bringt. Dramaturgisch geschickt mutiert Leo Reisinger durch Hüte-Tausch vom unehelichen Buben zum gewieften Holzknecht. Im Krieg rettet dem mal sensibel philosophierenden, mal draufgängerisch Röcke inspizierenden Girgl der Pföderl Hans das Leben. Maximilian Pfnür als aufrichtig geradliniger Kamerad Pföderl würde für sein Agerl gleich beide Hände ins Feuer legen. Stefanie von Poser zeichnet jenseits kitschig romantischer Klischees die Figur der Sennerin Agerl als couragierte, kraftvolle Frau, deren Herz sich dem Girgl aber doch nicht verschließen kann. In Pink und Neongrün getaucht schreit sich der hintergangene Pföderl seine Wut, seine Verletzlichkeit aus der Seele, wechselt aus Hass auf den einstigen Wilderer-Kumpan das Lager vom Wildschütz zum Jager.

Immer wieder, mit starken Momenten berührend, stutzt Hermann Giefer als in die Jahre gekommener Wilderer Lampl den Jennerwein zurecht. Nicht unschuldig am Beginn von Girgls Wuidera-Karriere, warnt er ihn am Ende eindringlich. Den letzten Schuss will der Jennerwein einem Zwölfender antragen, bevor er sich für das Leben mit Agerl und seiner unehelichen Tochter entscheidet. Ein Platzpatronenschüsschen fördert den Kapitalen aus den Fichten hervor, beim Aufbrechen grinst und raunt das Publikum noch über gewaidwerkte Attrappen-Innereien. Pföderls Schuss von hinten beendet den Traum vom seligen Happy End.

Dorothe Fleege

Weitere Vorstellungen

sind an diesem Samstag sowie am 1., 6., 7., 13., 14. und 21. September jeweils um 20 Uhr am Berggasthof „Panorama“ (15 Minuten Fußweg ab Wankbahn-Parkplatz); Karten gibt es unter Telefon 089 / 54 81 81 81.

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