Den Blick aufs Theater völlig auf den Kopf stellen

- Bei Heiner Goebbels' Werk "Schwarz auf Weiß" kommen die Musiker groß heraus: Ohne jegliche Konkurrenz beherrschen sie und ihre Instrumente die Bühne. Im Rahmen von Festspiel+ und musica viva präsentieren der Komponist und das Ensemble Modern das Stück morgen im Münchner Prinzregententheater.

Sie bezeichnen "Schwarz auf Weiß" als "Musiktheater", doch es treten keine Sänger auf.

Heiner Goebbels: Man wird aber viele Stimmen hören, auch wenn die nicht immer singen. Es ist gerade das Spektrum vom gesprochenen, gerufenen Wort bis zum Gesang, das mich interessiert.

Wer artikuliert sich auf der Bühne?

Goebbels: Es sind die Musiker selbst. Darüber hinaus hört das Publikum auch die Stimme von Heiner Müller und - ebenfalls vom Band - jüdische Kantoren mit liturgischem Material.

Welche Texte liegen Ihrem "Musiktheater" zugrunde?

Goebbels: Im Zentrum steht die Fabel "Schatten" von Edgar Allen Poe, die Heiner Müller vorträgt. Sie ist das erzählerische Rückgrat auch für die vielen szenischen Aktionen.

Was bedeutet der Titel "Schwarz auf Weiß"?

Goebbels: Er steht natürlich in Bezug zur Geschichte. Denn ein Schatten erscheint uns ja auch Schwarz auf Weiß. Er steht aber auch für die Schrift und - wie im Poe-Text - für das Gedenken an die Toten. Das ist die Klammer, die diese Arbeit mit Heiner Müller verbindet. Ich habe mit ihm viel zusammengearbeitet. Während der Proben an diesem Stück habe ich von seinem Tod erfahren und diese Aufnahmen integriert. So lebt seine Stimme in dem Stück weiter; es wird deshalb oft als Requiem bezeichnet, auch wenn es durchaus leichte, unterhaltende Elemente hat.

Wer bewegt sich denn auf der Bühne?

Goebbels: Die Musiker sind die Protagonisten. Es gibt weder Sänger noch Schauspieler. Die Hervorbringung der Musik ist das eigentlich Dramatische. Die Vorbereitung der Instrumente, auch ausgefallener, japanischer, wird sichtbar. Das alles geht weit über das hinaus, was Musiker ansonsten im Konzert machen dürfen. Der Zuschauer wird sich in den 85 Minuten, in denen das Ensemble das Geschehen strukturiert, nicht langweilen.

Streift das auch Rituelles, vielleicht auch Improvisatorisches?

Goebbels: Es hat rituelle Momente. Improvisationen gibt es auch, aber die Vereinbarungen über Zeit, Ort und Ausdruck sind sehr präzise.

Gibt es ein Bühnenbild?

Goebbels: Das Licht und die Bühne sind wichtige Darsteller, spielen eine Hauptrolle. Jean Kalman hat dafür einen schönen Raum gebaut, der sich ständig verändert.

Läuft eine Handlung ab, an die sich der Zuschauer halten kann, oder muss er assoziieren?

Goebbels: Er darf - er muss nicht. Es gibt viele Handlungen, denen die Zuschauer folgen können. Sie verweisen nicht auf etwas außerhalb des Theaters, sondern nehmen den Bühnenraum selbst und das Geschehen dort sehr ernst. Ich halte es nämlich mit Heiner Müllers Devise, dass das Theater nicht nur dazu da ist, Mitteilungen über die Wirklichkeit zu machen, sondern selbst eine eigene Wirklichkeit darstellt.

"Schwarz auf Weiß" entstand vor zehn Jahren und wurde häufig aufgeführt.

Goebbels: Bislang existiert es nur in meiner Inszenierung mit dem Ensemble Modern. Wir haben das Stück 60 bis 70 Mal gespielt, von Moskau bis New York, von Australien bis Edinburgh.

Wagt sich sonst niemand an eine Neuinszenierung?

Goebbels: Ich kann mir eine andere Inszenierung sehr gut vorstellen, aber es herrscht ein gewisser Respekt vor unserer Fassung. Dennoch gibt es Pläne. Man darf allerdings nicht vergessen, dass dieses Musiktheater die Rolle eines Ensembles und den Blick auf das Theater grundsätzlich auf den Kopf stellt. Die Realisierung braucht ideale Bedingungen. Somit wird es an einem normalen deutschen Stadttheater wohl frühestens in 20 Jahren möglich sein.

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