"Radikal jung"

Blick durchs Kaleidoskop

München - Alexander Giesches Bremer Performance „Der perfekte Mensch“ eröffnete das Festival „Radikal jung“ im Volkstheater.

Wie ein Blick durchs Kaleidoskop ist dieser Theaterabend: Mal faszinierend, mal banal, und ähnlich den farbigen Glassplittern am Ende des Rohrs sind auch die Bilder auf der Bühne stets in Bewegung. Daher ist „Der perfekte Mensch“, Alexander Giesches Performance vom Theater Bremen, als Eröffnungsinszenierung von „Radikal jung“ eine gute Wahl. Denn während dieser Festivalwoche am Münchner Volkstheater hat das Publikum Gelegenheit, bemerkenswerte Inszenierungen junger Regisseure kennenzulernen. Das ist meist derart konzentriert, wechselhaft und bunt, als schaue man durch ein Kaleidoskop.

Ausgangspunkt für Giesches gut 90 Minuten lange Produktion, die am Samstag auf der großen Bühne des Hauses an der Brienner Straße zu erleben war, ist ein beinahe vergessener Schwarz-Weiß-Kurzfilm aus dem Jahr 1967. In „The perfect Human“ setzt sich der dänische Regisseur Jørgen Leth unter anderem mit der Ästhetik des damals jungen Werbefernsehens auseinander: In einem weißen Nichts von Raum zelebrieren Claus Nissen als vermeintlich perfekter Mann und Maiken Algren Nielsen als vermeintlich perfekte Frau Alltägliches bis zur Absurdität: Sie ziehen sich an und wieder aus, rasieren oder frisieren sich, schlafen, essen. Die starre Kamera kombiniert Leth mit extremen Zoom-Bewegungen; das verstärkt den Horror der Gleichförmigkeit. Der rund zwölf Minuten lange Film endet mit einem Gedanken des Mannes: „Auch heute ist mir etwas widerfahren, was ich hoffentlich in ein paar Tagen verstehen werde.“ Im perfekten Leben hat das richtige Leben eben kaum Platz.

Alexander Giesche, 1982 in München geboren, hat in seiner Bremer Arbeit den Film nicht einfach fürs Theater adaptiert, sondern sich mit drei Schauspielern und einem Tänzer Gedanken darüber gemacht, was Perfektion heute ist – und mit den Menschen anstellt. Auf der Bühne stehen vier große, rollbare Spiegelwände, die das Quartett immer wieder neu anordnet. Seinen stärksten Moment erlebt der Abend, als die Elemente ein Quadrat bilden, in dessen Innern die Darsteller sitzen: Eingeschlossen im Gefängnis der Selbstbespiegelung knabbern sie kalorienarme Reiswaffeln, während draußen, auf der Tonspur, das Leben als vergnügte Achterbahnfahrt vorbeirauscht. Im perfekten Leben hat das richtige Leben eben kaum Platz. Zuvor wütete Justus Ritter bereits zornig gegen das menschliche Streben, sich selbst zu verwirklichen: „In sich Hineinhorchen ist leider Überheblichkeit.“ Ironie dieses minutenlangen Tobsuchtsanfalls – der Schauspieler blickt sich die ganze Zeit selbst im Spiegel an.

Leider sind nicht alle Bausteine dieses „Visual Poem“, wie Giesche seinen assoziativen Bilderreigen nennt, von solcher Kraft und Hintersinnigkeit: Manches ist banal (das Nachstellen von Posen aus Modewerbung) oder allzu naheliegend, etwa Michael Jacksons „Man in the Mirror“. Das gilt auch für Textpassagen à la „Was ist in meiner Wohnung, wenn ich nicht da bin?“

Während „Der perfekte Mensch“ nur am Samstag zu erleben war, haben die Zuschauer Gelegenheit, den Beitrag des Gastgebers nochmals zu sehen: Jessica Glauses Inszenierung von Sibylle Bergs „Und jetzt: Die Welt!“ lief am ersten Festivaltag auf der Kleinen Bühne. „Sehr vergnüglich“ sei der Abend, urteilte unser Kritiker nach der Premiere im Januar – und ein „realistisches Zerrbild über die Zumutungen der modernen Konkurrenz- und Informationsgesellschaft“. Denn obwohl sie vorgeben, die Gesetze des Marktes zu verachten, quälen die von Lenja Schultze, Karolina Horster und Lorna Ishema gespielten Frauen etwa ihre Körper im Fitnessstudio – zur Steigerung ihres Marktwerts (nächste Vorstellungen am 25. April, 16 und 19 Uhr).

Mit solchen Aspekten der menschlichen Selbstwahrnehmung und Selbstoptimierung werden die Besucher von „Radikal jung“ bei vielen der elf eingeladenen Inszenierungen konfrontiert. Am provokantesten stellt die Frage nach dem perfekten Menschen das Kollektiv „Monster Truck“, das zum Abschluss des Festivals am Volkstheater gastiert: In der Performance „Dschingis Khan“ (24. April, 19.30 Uhr) werden drei Schauspieler mit Down-Syndrom als Mongolen in einer Völkerschau inszeniert. Die Folgeproduktion „Regie“ (25. April, 20 Uhr) ist eine Reaktion auf die Debatte, die „Dschingis Khan“ auslöste: Die Schauspieler, die – so eine Kritik – vom Künstlerkollektiv „benutzt“ wurden, agieren hier als Regisseure.

Michael Schleicher

„Radikal jung“

läuft bis 25. April, das komplette Programm gibt es unter www.muenchner-volkstheater.de. Zum Festival ist ein Buch erschienen. Kilian Engels/ C. Bernd Sucher: „Exklusiv – Inklusiv. Regisseure von morgen“. Henschel, 192 Seiten; 9,95 Euro.

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