Blick auf eine zerdrückte Jugend

- Ben ist zwei Personen. Im einen Leben ist er ein gehemmter Teenager, der von seinen Mitschülern gehänselt wird und versucht, sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Im anderen Leben ist er der unbesiegbare Superheld Ben X im Internet-Spiel "Archlord".

Nic Balthazars engagierter, lebensnaher Erstling "Ben X" über die Gewalt und Kälte einer Gesellschaft

Welche von beiden Welten die reale ist, wird zur zentralen Frage, und sie ist keineswegs so leicht zu beantworten, wie es scheint. Realität ist das, was man aus ihr macht. Und die Wirklichkeit des Internet-Spiels wird Ben erst für das vermeintliche richtige Leben rüsten.

"Ben X", das Debüt des Belgiers Nic Balthazar, verweigert sich dem Offensichtlichen, Vorhersehbaren. Das beginnt schon beim Titelhelden, der unter dem Asperger-Syndrom leidet, einer milden Form des Autismus. Balthazar vermittelt eindrucksvoll die Nöte, nicht richtig kommunizieren, sich nicht vermitteln zu können. Aber Ben ist keiner dieser stereotypen sympathischen Behinderten, die in gut gemeinten Problemfilmen gerne auftauchen. Er ist ein Jugendlicher wie andere auch - er kommt einfach mit der Welt nicht zurecht. Schon gar nicht mit dem Darwinismus, der an Schulen herrscht und dem Ben hilflos ausgeliefert ist, weil es ihm schwer fällt, Zwischentöne und Emotionen richtig zu deuten. Für die Schulrowdys der Beweis, dass Ben ein Trottel ist. Als das Mobbing eines Tages in totaler Demütigung eskaliert, steht Ben kurz vor dem Selbstmord. Sein inszenierter Freitod soll all das ausdrücken, was er nicht verbalisieren kann.

Und hier kommt die virtuelle Welt auf den Plan. Eine Mitspielerin von "Archlord" will den Superhelden Ben X kennenlernen. Das Treffen wird misslingen, dennoch wird sie auf eine eigenwillige Weise Bens beste Freundin. Eine der vielen Überraschungen, die der Film bereithält.

Man merkt dem Regisseur das Engagement an, das er in seinen Erstling gesteckt hat. Dass er bei der Umsetzung ein wenig übereifrig mit den Möglichkeiten des Kinos hantiert, verzeiht man gerne, denn meist unterstützen die visuellen Einfälle die Handlung sinnvoll. Das Herzblut, das Balthazar in die Verfilmung seines eigenen Romans "Nichts war alles, was er sagte" gesteckt hat, ist die Stärke des Films. Das ist kein konstruiertes, zynisch menschelndes "Feel-Good-Movie" mit dem kommerziell oft bewährten, geistig behinderten Weisen oder reinen Tor. Es ist ein lebensnaher, aufrichtiger, auch unbequemer Blick auf eine zerdrückte Jugend in einer Gesellschaft, die sich oft anmaßt, über andere Kulturen zu richten, und den Sockel an Gewalt und Kälte, auf dem sie thront, gerne ignoriert. Weil Balthazar intelligent mit den Ebenen der Wahrnehmung und Wirklichkeit spielt, kann er das so unverblümt zeigen. Das Leben ist schön, aber nicht für jeden. Und nicht immer in dieser Welt. Ein Jugendfilm, der auch Erwachsenen viel zu bieten hat. Bei der Weltpremiere auf dem Festival in Montréal wurde er als bester Film ausgezeichnet. (In München: Mathäser, Neues Arena.)

"Ben X":

mit Greg Timmermans

Regie: Nic Balthazar

Das Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom wurde erstmals 1944 vom österreichischen Kinderarzt Hans Asperger beschrieben. Es handelt sich um eine spezielle, weniger stark ausgeprägte Form des Autismus. Gerade der mildere Krankheitsverlauf macht den Betroffenen das Leben schwer.

Oft wird die Krankheit nicht erkannt und als extreme Schüchternheit oder Verschrobenheit abgetan. Asperger-Patienten haben große Schwierigkeiten, Kontakte zu Mitmenschen aufzubauen, mitunter fehlt ihnen auch jedes Interesse daran. Generell haben sie ein Problem mit Kommunikation, es fällt ihnen schwer, nonverbale Signale zu deuten und selber einzusetzen. Gleichzeitig treten oft verblüffende intellektuelle Fähigkeiten auf, so genannte "Inselbegabungen". Manche Psychologen glauben, dass einige prominente Persönlichkeiten, die für ihr eigenwilliges Verhalten berühmt waren, am Asperger-Syndrom litten, etwa Albert Einstein, Immanuel Kant oder Glenn Gould.   zg

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