Blick auf den ganzen Mozart

- Finale für die Salzburger Festspiele. Finale auch für Peter Ruzicka (58). Am 31. August ist Schluss. Fünf Jahre war der Komponist, Dirigent und Leiter der Münchener Musiktheater-Biennale Chef des teuersten Festivals der Welt. Mit dem Jubiläumsprogramm "Mozart 22" - die szenische Realisierung des gesamten Werks - setzte der frühere Intendant der Hamburgischen Staatsoper seiner Salzburger Amtszeit die Krone auf.

Fühlen Sie sich als Salzburger?

Peter Ruzicka: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich fühle mich als deutscher Kulturmanager, der noch bis zum 30. September Leiter der Salzburger Festspiele ist.

Die enden am 31. August . . .

Ruzicka: Nach meinem Vertrag bleibe ich einen Monat länger. Um den Überschuss durchzuzählen, den ich meinem Nachfolger Jürgen Flimm hinterlasse.

Wie viel ist das?

Ruzicka: Zweieinhalb Millionen Euro.

Als Ihnen 1999 angetragen wurde, 2001 die Leitung der Salzburger Festspiele zu übernehmen - hatten Sie sich damals gesagt: Das mache ich nur, wenn ich zum Mozart-Jubiläum das komplette Werk aufführen kann?

Ruzicka: Der Blick auf den Kalender fiel natürlich auf 2006. Klar, dass dies in Salzburg die höchste künstlerische Verantwortung bedeuten würde. Und deshalb lag diese Idee sofort sehr nahe. Ich habe dann von Anfang an in meiner Amtszeit auf dieses Ziel hingearbeitet. Ein Blick auf den ganzen Mozart sollte es sein.

Mit Ende dieser Saison hören Sie in Salzburg auf. Weil so ein Programm nicht mehr zu toppen ist?

Ruzicka: Wollen sehen, was die Kollegen 2056 machen . . . Aber ich denke, jenseits aller Rekorde: Es war wichtig, dass wir zum Mozartjahr diese Anstrengung auf uns genommen haben. Dass wir uns nicht darauf beschränkt haben, wie andere Häuser, nur die fünf oder sechs letzten Mozart-Opern nachzuspielen, sondern dazu auch das gesamte Frühwerk aufführen. Man wird in Zukunft nicht mehr sagen können, nur die letzten sechs Werke seien bühnentauglich. Hier in Salzburg hat es unumkehrbare Entdeckungen gegeben. "Il re pastore", "Mitridate" oder "Il sogno di Scipione" gehören in Zukunft einfach zum Repertoire.

 Besonders glücklich bin ich über das Publikum, seine Offenheit und Neugier. Die frühen, unbekannten Werke waren von Anbeginn gleichermaßen ausverkauft.

Was bleibt von dieser enzyklopädischen Vollständigkeit nach Ende der Festspiele?

Ruzicka: Wichtig ist, dass wir den ganzen Zyklus durch eine DVD-Edition dokumentieren. Damit ist auch die szenische Realisierung des Gesamtwerks für die Zukunft festgehalten.

"Die gesamte Spannweite der heutigen Mozart-Interpretationen zeigen": Das hatten Sie sich für diese Festspiele vorgenommen. Ist Ihnen das gelungen? Gibt es nicht den einen Dirigenten oder den anderen Regisseur, den Sie gern dabei gehabt hätten?

Ruzicka: Zum Beispiel Simon Rattle. Er hatte keine Zeit für die Oper, wird nur ein Mozart-Konzert mit den Berliner Philharmonikern dirigieren. Aber gerade bei den Dirigenten, die dieses Jahr in Salzburg sind, gibt es doch eine große Spannbreite - von Riccardo Muti, dem eher Konservativen, bis zu Marc Minkowski, Roger Norrington und Nikolaus Harnoncourt, die prägend waren. Höchst unterschiedliche Zugänge stehen sich hier gegenüber. Dass diese möglich sind, darin liegt die Größe der Kunst. Noch vor 30 Jahren schien ein Karl Böhm der maßgebliche Dirigent für Mozart zu sein. Heute haben wir einen Stilpluralismus, der immer neue Entdeckungen öffnet. Das gilt auch für die szenische Umsetzung. Da haben wir ebenso die verschiedensten Lesarten, bloß erzählende, aber auch konzeptionell hoch anspruchsvolle und mutige Realisationen.

Welche Regisseure hätten Sie in dieser Saison noch gern in Salzburg gesehen?

Ruzicka: Willy Decker hätte ich gern hier gehabt, aber er musste wegen Krankheit alles absagen. Vielleicht wäre noch als besondere Erfahrung Peter Konwitschny denkbar gewesen.

Nach Ihrer Erfahrung mit den Festspielen: Welche kulturpolitische Bedeutung werden die Salzburger Festspiele in Zukunft haben? Werden sie überhaupt eine haben?

Ruzicka: Das, was Festspiele auszeichnet: der besondere Anspruch an die Realisation von Werken und Texten, wie es ihn in dieser Form an Staatstheatern nicht gibt. Was wir gemacht haben in den fünf Jahren meiner Amtszeit - der komplette Mozart, die Serie der Exilkomponisten, die Kompositionsaufträge -, das sind genuine Aufgaben eines Festivals. Dennoch müssen sich auch die Salzburger Festspiele jedes Jahr neu begründen, neu definieren. Und ein Konzept hat sich dann bewährt, wenn dessen Gedanken - wie etwa die zu den verfemten Komponisten - nachhaltig Folgen haben.

Welche zum Beispiel?

Ruzicka: Der Kollege von der Met war 2005 hier, hat sich von Schreker "Die Gezeichneten" angesehen und denkt daran, 2009 eine Oper von ihm zu machen. Auch von Zemlinskys "König Kandaules" wird es jetzt eine Reihe weiterer Produktionen geben.

Mit dem Zurückdrängen des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen, nicht nur im Mozart-Jahr, hat sich auch zunehmend das Politische, das Zeitgenössische verflüchtigt. Es gab einmal Jahre, da hier Thomas Bernhard, Peter Handke, Botho Strauß uraufgeführt wurden . . .

Ruzicka: Mit den Uraufführungen hatten wir nicht viel Glück gehabt, ich denke an Turrinis "Da Ponte in Santa Fe". Jetzt hatte ich sehr gekämpft um einen neuen Handke. Traditionell ist es zwar so, dass dem jeweiligen Schauspieldirektor alle Freiheiten gelassen werden. Aber den Handke hätten wir sicherlich gemacht, selbst wenn das Werk kaum in das Konzept von Martin Kusej gepasst hätte, im Festspielsommer die Komödie in den Mittelpunkt zu stellen. Doch hat es leider nicht geklappt. Ich stimme zu, dass das Sprechtheater vielleicht mehr als die Oper befähigt wäre, aktuell zu reagieren. Denn beim Schauspiel ist es möglich, dass zwischen Stückauftrag und Realisierung eine überschaubare Zeit liegt.

Als Intendant kann man Akzente setzen, Weichen stellen, Biografien "machen" . . .

Ruzicka: Sie denken an Anna Netrebko . . .

. . . Das Dilemma eines Intendanten aber liegt in der Differenz zwischen Vision und Wirklichkeit. Wie gehen Sie damit um, wenn eine Inszenierung Ihren Erwartungen überhaupt nicht entspricht, wenn sie unzulänglich ist?

Ruzicka: Regie, das hat immer etwas mit Vertrauen zu tun. Man kennt den Regisseur aus früheren Arbeiten, man trifft sich, führt Gespräche und vergibt schließlich den Auftrag. In diesem Moment gibt man als Intendant bis zu einem gewissen Grad die Dinge aus der Hand. Da kann es dann durchaus zu einer künstlerischen Eigendynamik kommen. Und gelegentlich kommt es dann auch einmal vor, dass man sehenden Auges ins Unheil läuft. Das war so bei der "Zauberflöte" 2005. Es hätte diese Oper 2006 nicht gegeben, wenn nicht ein Mäzen 500 000 Euro für eine Neuinszenierung spendiert hätte.

Waren die Konflikte zwischen wirtschaftlichem Anspruch und künstlerischem immer lösbar?

Ruzicka: Es gab zwei Einschränkungen. Statt szenisch gab es die Opern "Die Ägyptische Helena" und "Die Bakchantinnen" nur konzertant. Das war 2003. Insgesamt haben wir in den fünf Jahren eine 20-prozentige Etatkürzung hinnehmen müssen. Das ließ sich nur einigermaßen auffangen durch die Rekordeinnahmen in 2005 und in diesem Jahr, wo es mir allerdings nichts mehr nutzt. Es war ein schmaler Grat, der begangen werden musste. Gefahr könnte dort drohen, wo man abhängig wird von Drittmitteln. In diesem Jahr waren das immerhin sechs Millionen Euro. Wenn aber Festspiele nur noch so möglich sein sollten, dann geriete man in konzeptionelle Abhängigkeiten. Ebenso wie man aufpassen muss, dass sich angesichts von Sponsorengeldern die öffentliche Hand nicht im gleichen Maße aus der Kulturfinanzierung herauszieht.

Sie werden sich nach den Festspielen ausschließlich der Musik widmen. Erleichterung, Salzburg hinter sich gebracht zu haben?

Ruzicka: Schwer zu sagen. Jetzt gibt's am Schluss doch Zweifel, ob es richtig war nach fünf Jahren zu gehen. Auch wegen der wunderbaren Mitarbeiter, mit denen ich lange zusammen war, kommt Wehmut auf. Und wegen der Ideen, die ich noch hätte. Vielleicht eine "Lulu" mit Anna Netrebko . . . Aber ich will jetzt wieder verstärkt künstlerisch arbeiten, ich komponiere gerade eine Oper. Kulturmanager bleibe ich nur noch in München - bei der Musiktheater-Biennale.

Wann und wo wird Ihre Oper "Hölderlin" uraufgeführt?

Ruzicka: Am 16. November 2008 in Berlin an der Lindenoper.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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