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Obacht, hier singt Beth Ditto: Wie bei ihrem Auftritt in der ZDF-Show „Wetten, dass...?“ kennt man die Sängerin – als schrille Punk-Göre, laute Feminismus-Vorkämpferin und selbstbewusste Parade-Lesbe. Dass sie eine mehr als triste Kindheit durchleben musste, erzählt Ditto in ihrer soeben erschienenen Autobiografie.

Beth Ditto: Blick hinter die schrille Fassade

Bei Gossip-Sängerin Beth Ditto denkt man an schrille Outfits und knallige Musik. Jetzt erzählt sie in ihrer Autobiografie von ihrer tristen Kindheit zwischen Missbrauch und Vernachlässigung.

Bei der dicken, bunten, lauten Frau, die am Samstag vor einer Woche über das „Wetten, dass...?“-Sofa hereinbrach und mit Stöckelschuh-Choreograph Jorge Gonzalez einen koreanischen Gangnam-Tanz hinlegte, handelte es sich (gottlob) nicht um Cindy aus Marzahn, sondern um Beth Ditto. Die fidele Sängerin der Disco-Punk-Rockband Gossip war bereits zum zweiten Mal bei „Wetten, dass...?“ zu Gast – 2010 hopste sie Hansi Hinterseer auf den Schoß, seither kennt ganz Deutschland Beth Ditto. Was kaum jemand weiß, und was auch Markus Lanz nicht erfragte: Hinter der schrillen Fassade der Punk-Göre, der Feminismus-Vorkämpferin, der Parade-Lesbe steckt die triste Geschichte einer Kindheit zwischen Missbrauch und Vernachlässigung, einer chronischen Krankheit und dem ewigen Buhlen um Anerkennung. Eine Geschichte, die Beth Ditto in ihrer lesenswerten Autobiografie „Heavy Cross“ erzählt.

Dass die heute 31-Jährige eines Tages mit Hansi Hinterseer schäkern würde, war der kleinen Beth nicht vorbestimmt – zwischen ihrer Apokalypse von Arkansas in den US-Südstaaten und der Kitzbüheler Schunkelseligkeit lag mehr als nur eine Welt. Im weitaus eindrucksvollsten Teil des Buches schildert Ditto, wie sie im tristen Kaff Judsonia aufwuchs, das 1952 durch einen Orkan verwüstet wurde und aus diesem Albtraum nie mehr erwachte. Tanzen war dort verboten, „seit Millionen von Jahren“, wie Ditto spottet, und man hatte schlichtweg vergessen, das Tanzverbot aufzuheben. Alkohol war auch gesetzlich verboten, ebenso wie MTV. Was zwar nicht erlaubt war, aber zumindest geduldet, waren Inzest und Missbrauch.

Der Ditto-Clan vermehrte sich wie die Karnickel, Onkel machten sich über ihre Nichten und Neffen her. Beths Mutter wollte ihren eigenen Vater im Alter von zehn Jahren erstechen, verklagte ihn mit zwölf wegen Vergewaltigung erfolglos und war mit 15 verheiratet. Später kam Klein-Beth an, wurde als Drittklässlerin von Onkel Lee Roy missbraucht und dachte, so wäre das per Naturgesetz eben immer gewesen, und es würde sich wohl nie ändern. Schließlich flüchtete sie zu Tante Jannie, einer dicken fluchenden Frau, die in Unterwäsche am Küchentisch hockte und Beth mehr als Hausmädchen denn als Familienangehörige betrachtete. Als eine vom „Schicksal geknechtete Märchenprinzessin“ sah sich die junge Miss Ditto damals. Und wer vom schweren Kreuz liest, das sie zu tragen hatte, mag kaum glauben, dass sie nicht aus den Fünfzigern berichtet, sondern aus den Achtzigern.

Danach geht manches viel zu schnell in diesem Buch – von der Flucht in die Nähe von Seattle, damals Metropole der Grunge-Musik, bis zum Star-Ruhm dauert es nur wenige Seiten. Man würde gern ausführlicher lesen, wie Ditto ihre lesbische Identität entdeckte („Ich dachte zunächst, ein Kind muss her, um dem ewigen Höllenfeuer zu entkommen!“), und wie sie mit ihrer bis heute anhaltenden Krankheit Sarkoidose kämpft, einer Immunreaktion, die Ditto Teile ihres Augenlichts und ihres Gehörs kostete. Doch lohnend bleibt „Heavy Cross“ mit seinem wunderbar lakonischen Ton bis zum Ende – die Frau versteht es eben, zu unterhalten. Kein Wunder, weiß sie doch: „Dicke Kinder strengen sich immer besonders an, um gemocht zu werden.“ Ihr abschließender Rat an die Leser: „Lasst euch von euren Ideen in die Welt hinaustragen, in ein geniales, durchgeknalltes und aufregendes Leben. Den Stimmen in eurem Kopf und den Leuten, die euch kleinhalten wollen – sagt ihnen, dass sie sich verpissen sollen.“ Wer das beherzigt, übersteht sogar Arkansas – und einen Abend mit Lanz.

Jörg Heinrich

Beth Ditto:

„Heavy Cross“. Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch. Heyne, München, 208 Seiten; 16,99 Euro.

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