Der Blick lässt die Bilder lebendig werden

München - Mark Rothko ist einer der prägendsten US-amerikanischen Maler des 20. Jahrhunderts. Die Münchner Hypo-Kunsthalle widmet Rothko eine umfassende Retrospektive.

Schauen, einfach nur schauen. Mark Rothkos (1903- 1970) Bilder schweigen, wenn ihr Gegenüber nicht aufnahmefähig ist. Der Betrachter darf keine Wand aus Vorurteilen oder vorschnellen Interpretationen, oberflächlichen Assoziationen oder Ungeduld vor sich aufbauen. Diese Wand würden die Gemälde und Aquarelle nie mit Gewalt durchbrechen wollen. Dem flüchtigen, selbstbezogenen Blick werden sie ihren Reichtum verbergen.

Es ist gut, dass die Rothko-Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle (Kurator: Oliver Wick), die von Rom in etwas anderer Form übernommen wurde und noch nach Hamburg weitergeht, ohne Sperenzchen allein auf Chronologie baut: So verfallen Fans nicht gleich weihevoll in Trance ­ ihnen ist der Anblick typischer "Rothkos" zunächst noch verwehrt ­, sondern lernen handfest, wie mühsam sich ein Künstler entwickelt. Und Nicht-Kenner erleben sozusagen live einen Schöpfungs- und Geburtsprozess. Das macht ein unglaubliches Vergnügen und bietet fabelhafte Entdeckungen, insbesondere weil es kaum Rothko-Bilder in deutschen Museen gibt und die letzte große Schau seiner Werke 20 Jahre zurückliegt. In München sind nun 109 Arbeiten versammelt.

Marcus Rothkowitz wurde am 25. September 1903 im russischen Dwinsk als Sohn eines Apothekers geboren. 1910 geht die Familie in die USA. 1940 wird sich der junge Maler Mark Rothko nennen; zwei Jahre zuvor war er Staatsbürger der USA geworden. Marcus hatte zwar in Yale Psychologie und Philosophie studiert, brach aber 1923 die Ausbildung ab. Dafür vertiefte er sich, der auch von Musik und Theater gefesselt war, in die Malerei. Später unterrichtete Rothko selbst.

Die Präsentation setzt bei den 30er-Jahren ein. Der Künstler zeigt sich im Selbstporträt mit dunkel verschatteten Brillen-Augen, die Hände vor sich haltend ­ fast wie Fremdkörper. Man spürt Rothkos seelische Zerbrechlichkeit. Er litt immer wieder unter Depressionen und beging am 25. Februar 1970 Selbstmord. Seine anderen Arbeiten schildern Menschen eher kühl.

Sie sind Figuren ­ wohl von Oskar Schlemmer oder Giorgio de Chirico angeregt ­ in einem Raum, der aus architektonischen Versatzstücken gebaut wird. Die U-Bahn-Bilder werden zu einer damals zentralen Werkgruppe. In den Kriegsjahren zerreißt diese geschlossene Bildauffassung. Körperteile, Ornamentfetzen, Gesichter werden öfters zu antik-surrealen Friesen kombiniert. Die Auflösung in hauchfeine Farbflächen ­ auch in technisch wunderbaren, großen Aquarellen ­ und ein verrücktes Linienspiel treibt Rothko bei seinen Überlegungen zu dem blinden Seher Teresias am weitesten. Die menschliche Figur ist verschwunden, sanft schwimmendes Farbmaterial ist geblieben. Heiter sind die Töne und Nuancen.

Im Hauptsaal der Kunsthalle wird die Verwandlung inszeniert. Der Aggregatzustand wechselt ganz am Ende der 40er-Jahre. Die Farben sammeln sich in beruhigten Rechtecken, die meist horizontal gelagert sind. Mark Rothko, der immer einen leichten, durchsichtigen Farbauftrag bevorzugt hat, schichtet also verschiedene Malvorgänge in der Draufsicht und stapelt zugleich verschiedene Farb-Kissen übereinander.

Und da kommt wieder das Schauen ins Spiel. Diese Bilder werden buchstäblich lebendig, wenn sich ihnen unser Blick ehrlich widmet. Sie verändern sich unversehens. Selbst aus der Finsternis des Schwarz tritt ein Hauch von Licht heraus. "Meditativ" ist ein überstrapaziertes Attribut, aber es passt perfekt auf diese Rothko-Werke. Damit ist die Ausstellung ein großartiges Pendant zu Geigers Œuvre-Schau im Lenbachhaus.

Bis 27. April

Tel. 089/ 22 44 12, www.merkur.de/links; Katalog (Hirmer Verlag): 25 Euro.

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