Blick zurück nach vorn

- Riesig ist er, geräumig ohnehin _ ein Blickfang am Ende der Treppe, hinunter zu den Prachtwerken der Neuen Sammlung, des Staatlichen Museums für angewandte Kunst in der Pinakothek der Moderne. Die Rede ist von einem ungeheuerlich imposanten Setzkasten, der als pointiertes Inhaltsverzeichnis der atemberaubenden Gesamtpräsentation von Design einst und heute dient. Atemberaubend insofern, als einem schon die Luft weg bleibt angesichts des biomorphen Ideengebildes von Luigi Colani, einem nie gebauten Überschallflugzeug, das über den Besucher hinweg- und auf den Schaukasten zuschwebt.

<P>Und hier also ein Blick zurück nach vorn: vom flachen High-Tech-Monitor von Toshiyuki Kita über Alessandro Mendinis berühmte Zeichen des postmodernen Stil-Eklektizismus' _ seinem pointillistisch-buntbetupften Neobarock-Sessel _ bis hin zum Pop-Design der 60er-Jahre in Form einer Couch als rotem Kussmund, zurück zum Stuhl der Stühle, Michael Thonets Kaffeehausmodell Nr. 14 aus Bugholz.</P><P>Unten angekommen: das Thema Stromlinie. Auto, Motorräder als Sonderbereich, jedoch keine Fokussierung auf die Technik. Was hier interessiert, ist Aerodynamisches, das Form gibt und gegeben hat. Einmalig die Blickführung hin zum Thema über das lang gezogen Heck mit Rückenflosse des Tatra 87. Der österreichische Konstrukteur Hans Ledwinka hatte die Idealform des geringst möglichen Luftwiderstands in dieser spektakulären Gesamtkarosserie in den 30er-Jahren realisiert. Unser Blick schweift die BMW-Curves entlang, ein von Haptik, Oberfläche und Linie komponiertes Wandrelief, das der Modellierung von Stromlinie Rechnung trägt, zu der Schau ausgesuchter Fahrzeuge vom VW Käfer bis zum Citroë¨n.</P><P>Darunter auch das einst schnellste Motorrad der Welt, die "BMW R 32" mit keilförmigem Doppelrahmen. Einen Raum weiter gibt's übersichtlich angeordnete Eindrücke von "Computer-Culture": Hier reihen sich dünn und dünner, klein und kleiner werdende Laptops und Bildschirme von rasend schnell wachsenden Kapazitäten.</P><P>Und dann beginnt eine packende, historisch-chronologische Schau der Gestalter-Kunst entlang einer Vitrine voller Kostbarkeiten. Sie begleitet wie ein zeitliches Lineal die Abzweigung in die Design-Epochen. Den Auftakt in einer Quervitrine bieten die verschiedenen elektrischen Tee- und Wasserkessel von keinem Geringeren als dem einflussreichen All-Round-Entwerfer für AEG, Peter Behrens. </P><P>Florian Hufnagl, Direktor der Sammlung, hat wirklich an alles gedacht: In der Langvitrine befinden sich Glas- und Vasendesign, Radios vom Volksempfänger bis zu Walter Dorwin Teagues blau verspiegeltem "Bluebird". Und wenn Alma Buschers bunt-hölzernes Bauspiel "Schiff" im Glasregal liegt, findet sich auf gleicher Ebene auch ein Bauhaus-Objekt, nämlich Marcel Breuers Schleiflack-Kleiderschrank "ti 113". </P><P>Nun aber bietet der sogenannte "Thonet-Raum" Unterbrechung. Gut fünfzig Stühle zieren in unterschiedlichem Schwung die drei Stufen des Amphitheaters. Die Sammlung der Bugholzobjekte ist der Obsession des Architekten Peter Ellenberg zu verdanken. Obsessiv gestalten sich auch die weiteren Showrooms. Joe Colombos "Tube Chair", die rote Vier-Röhren-Kombi aus Knautschlack aus den 60er-Jahren, ist ganz in die Nähe von Fotografien psychedelischer Werbespots gerückt. Frozen-Picture-Aufnahmen als Übergang zur Bewegung der Dinge in den 90er-Jahren also.</P><P>Zwei Vitrinen rotieren im Prinzip eines Riesenrads. Wir haben im bewegten Auf und Ab Entwicklung zu verfolgen: Bunte Vasenhocker oder Stapelbäume von Kunststoff-Stühlen kreisen neben elektronischen Celli, Adidas-Salomon-Sportschuhen (Olympiade, Sydney 2000), Wettkampfschuhen für "Speedskating" und Shimano Systemlaufrädern.</P><P>Wenn Florian Hufnagl meint, er könne gar nicht alle 60 000 Objekte vorführen, die das Haus besitzt, sondern nur Schwerpunkte setzen, so reicht dies allemal. Eine Prachtschau ist in einer wahrlich sensationell kreativen Anordnung gelungen und bewundernswert ausgesucht. Was darunter die spektakulärste Attraktion ist, lässt sich bei all diesen Schätzen auf keinen Fall festlegen und hängt gewiss nicht von der Größe der Objekte ab.</P><P><BR> </P>

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