Blues der Renaissance

Sting im Herkulessaal: - Es ist ja nicht so, dass das Publikum unvorbereitet wäre. Auf den Plakaten steht, dass Sting, Rockstar, Lieder des englischen Renaissance-Musikers John Dowland spielen wird. Bereits seine aktuelle CD ist Dowland gewidmet. Aber insgeheim hat sich mancher im Münchner Herkulessaal wahrscheinlich doch gewünscht, dass der Brite möglichst viele eigene Hits zum Besten geben möge. Diese Hoffnung erfüllt Sting allerdings nur in ganz beschränktem Maße. An diesem Abend gibt der gelernte Lehrer Geschichts-Unterricht -­ und bald ist klar: Auch er selbst ist nur Schüler.

Denn heute dreht sich alles um die Laute ­- ein Instrument, das John Dowland (1563 -­ 1626) meisterhaft beherrschte. Genauso meisterhaft wie der Herr im verknautschten roten Samt-Jackett, der als erster die Bühne betritt. Edin Karamazov ist sein Name. Er greift sich eins der merkwürdigen Instrumente und lässt seine Hände wie wirre Weberknechte zu Bachs Toccata und Fuge über das breite Griffbrett und den melonenartigen Korpus wuseln.

Dann kommt Sting. Mit dem breit lächelnden Selbstbewusstsein eines Rockstars badet er im Beifall, ganz in Schwarz gewandet. "Alles klar?", fragt er auf Deutsch. Doch dann setzt er sich brav hin, konzentriert, die Hände auf den Knien, und sucht Augenkontakt mit Meister Karamazov. Er erhebt die berühmte helle, kehlige Stimme, die doch anders klingt als sonst ­ zurückgenommener und sanfter. Diese Stimme passt zu Dowlands Musik vielleicht sogar besser als die eines geschulten Tenors.

Überraschung: Hier wird nicht kunstgewerblerisch herumgedudelt

Im Grunde nämlich war der gebürtige Ire die frühe Ausgabe eines Singer-Songwriters. Seine Lieder sprechen von Isolation und Entfremdung, sind ätherisch verspielter Renaissance-Blues. Zwar galt Dowland als bester Lautenspieler seiner Zeit, doch blieb ihm der Job als Saiten-Zauberer am Hof von Königin Elisabeth I. verwehrt ­- wohl, weil er Katholik war. Dowland ging also auf Europa-Tour und schrieb aus Nürnberg oder Florenz Bittbriefe nach London.

Sting liest sie vor, mit ironischen Kommentaren, dann singt er wieder über Tod und Liebe, etwa das wunderschöne "Come Again". Und dabei gelingt die Überraschung: Trotz Stings Beflissenheit und Karamazovs Virtuosität wird hier nicht kunstgewerblerisch herumgedudelt. Das Ganze ist ein interessantes Experiment, mehr will es gar nicht sein. Einmal sitzt Sting offensichtlich ratlos hinter seiner Laute, beginnt zu grinsen und ruft: "I‘m lost!" Er hat den Einsatz verpasst. Lacht und macht weiter.

Am Ende spielen die beiden sogar noch richtigen Blues: Robert Johnsons "Hellhound On My Trail" klingt auf der Laute großartig. Dann endlich bekommen die Fans mit "Fields Of Gold" und "Message In A Bottle" zwei Sting-Originale zu hören. Sie müssen zugeben: An diesem gelungenen Abend hätte es die gar nicht gebraucht.

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