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Günther Sigl ist auf Video bei Blumentopf mit dabei – und besingt seine Rosi.

Blumentopf: Die Beastie Buam von der Isar

München - Zum 20. Band-Geburtstag: Münchens Hip-Hopper Blumentopf besingen auf dem Album „Nieder mit der GbR“ auch die Rosi vom Sperrbezirk

Oh mei, die Rosi! 31 Jahre ist es jetzt her, da herrschte unter „32 16 8 Konjunktur die ganze Nacht“. Alles längst vorbei. Die Nummer gibt’s nicht mehr, Rosi hat ein Mobiltelefon, doch niemand ruft mehr an beim abgetakelten alten Freudenmädchen. „Ihre trüben Augen sehnen sich nach klarem Schnaps, wie zwei durchgefrorene Obdachlose nach ‘nem warmen Platz. Sie ist ein abgefucktes altes Wrack, doch in den Achtzigern, da trug sie edle Pumps und teuren Nagellack“, rappt MC Schu von den Münchner Hip-Hoppern Blumentopf, die auf ihrem neuen Album „Nieder mit der GbR“ erstmals berichten, was der Rosi nach dem Skandal im Sperrbezirk Übles widerfahren ist. Auf einem exzellenten Album, das beweist: Es blüht und sprießt und gedeiht im Topf, auch noch 20 Jahre nach Bandgründung.

Aber zurück zur Rosi: Wenn Günther Sigl im Kippenqualm einer heruntergewirtschafteten Münchner Boazn, vor leeren Tegernseer-Flaschen, das Schicksal seiner einstigen Wunderhure beklagt und melancholisch singt „Sie war Sünde pur, sie war Rock’n’Roll, sie war die Königin der Nacht. Rosi, was hat die Zeit aus Dir gemacht?“ – dann zeigen die Töpfe mit diesem wehmütigen Video, dass sie es weit über die Grenzen von Hip-Hop und Rap hinaus geschafft haben. Sie sind längst Münchner Stadtschreiber, begnadete Gschichtnerzähler und Chronisten, die Beastie Buam von der Isar. Fast könnte man meinen: Wenn Helmut Dietls Tscharlie heute jung wäre, würde er seine Münchner Geschichten rappen und reimen.

Aber was heißt jung? Jung im eigentlichen Sinne sind die MCs Cajus, Roger, Schu und Wunder sowie ihr manischer Beats-Bastler und Sound-Frickler DJ Sepalot auch nicht mehr. Es geht von Mitte 30 zügig Richtung 40. Aber Hip-Hop als ewiges Jugendmedium, ausschließlich geschaffen für 16-jährige Checker? Blödsinn, Schmarrn, Krampf! Die Töpfe haben auf „Nieder mit der GbR“ mehr denn je zu erzählen und zu freestylen und zu reimen, über München in all seinen Facetten („Ein Drittel meines Lebens wohn ich schon in meinem Viertel“), über Selbstbetrug („Ergebniskosmetik“) und Starbucks-Junkies („Schwarzes Gold“). So trefflich wie Blumentopf in „Eurovision“ hat zudem noch niemand über die Eurokrise gerappt, und das krachige Sportfreunde-Stiller-Feature „Supermänner“ ist allererste Wahl für Sporties-Freunde auf Entzug.

Schlaue Reime, feiste Beats – nach dem für manchen alten Fan irritierend gitarrenlastigen Vorgänger „Wir“ sind die Töpfe auf „Nieder mit der GbR“ wieder ganz bei sich. Sich auf die Musik zu konzentrieren, den Kopf freizukriegen vom Business und der GbR, die die vielfältigen Geschäfte der Band abwickelt (daher der Albumname), hat sich mehr als gelohnt. Vorsatz für die neue Produktion: „To-do-Listen, Diskussionen und Terminplanungen haben im Studio nichts verloren. Den inneren, spießigen Schweinehund überwinden und einfach wieder nur Musik machen.“ Zurück zu den Wurzeln, so entstand das neue Album, das mit Platz sechs prompt den besten Einstieg der Band in die deutschen Charts schaffte. Fazit: Stuttgart hat die Fantastischen Vier, München hat die Sauguaden Fünf!

Jörg Heinrich

Das Konzert

am 22. Dezember in der Muffathalle ist ausverkauft; Zusatzkonzert am 23.12.

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