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Mitglieder der Weißen Armee posieren mit einem Rotarmisten. Archiv-Beschriftung: "Von württembergischen Regierungssoldaten gefangener Eisendreher Johann Lehner vor seiner Ermordung am 3. Mai 1919."

Ausstellung

Blut und Ideale

Literaturhaus München: Das Haus der Bayerischen Geschichte zeigt "Revolution!"

"Majestät, genga’S heim, Revolution is!" Diese gern kolportierte Empfehlung einiger Untertanen für ihren König Ludwig III. markiert die satirisch-gutmütige Seite des bayerischen Umsturzes 1918/ 19. Zunächst handelte es sich tatsächlich um die unblutige Absetzung der konstitutionellen Monarchie und die Errichtung einer Demokratie. Die Ausstellung "Revolution! Bayern 1918/19" im Münchner Literaturhaus zeichnet den kurzen Zeitabschnitt nach, an dem unsere Heimat die Chance hatte, in eine friedliche, demokratische Phase einzutreten. Aber es kam anders - mit katastrophalen Folgen.

Um Revolution zu machen, nahm das Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) in Person von Josef Kirmeier elf Studenten des Instituts für Bayerische Geschichte der Münchner Universität gewissermaßen an die Hand. Ein exzellentes Training in praktischer Vermittlungsarbeit, das die Nachwuchshistoriker bravourös absolvierten. Mit Hilfe der Materialien des HdBG, des Hauptstaatsarchivs und der Monacensia sowie der professionellen Gestaltung von Fritz Armbruster geleiten sie den Besucher durch die zwar kurzen, aber verwirrenden Turbulenzen jener Monate. Deren erschütterndes Ende heißt Bürgerkrieg.

Dass es Revolutionen in Bayern ohne Wirtshaus nicht geben kann, vermittelt gleich das erste Ambiente, eine gemütliche Wirtsstube. Eine Wand jedoch schildert, wie diese "gute alte Zeit" im Ersten Weltkrieg zusammenbrach. Sterbebildchen von Soldaten, Fotos von Menschen, die um "Kriegswurst" anstehen, eine Kiste voll Dotschen (Runkelrüben) berichten von Not und Tod.

Der Dotschenwinter (Hungerwinter) 1916/17 und ein König, der nur Kriegsparolen hören ließ, legten die Basis für die Revolution. In der Nacht zum 8. November 1918 rief Kurt Eisner die Republik aus. In der Schau ist das Originalschriftstück von der Hand Eisners (ermordet am 12.1.1919) zu sehen, das endet mit: "Es lebe der Freistaat Bayern. Es lebe der Friede." Rückhalt im katholischen, agrarischen, konservativen Land hatte seine Regierung jedoch nicht. Genauso wenig wie die nur kurz existierende Erste (vom 7. bis 13. April 1919; zerstrittene Sozialisten und viele Literaten) und Zweite Räterepublik (der Kommunisten ab Mitte April). Gleichzeitig war Ministerpräsident Johannes Hoffmann (Sozialdemokrat) samt Anhang nach Bamberg geflohen.

Die Gewalttaten hatten da bereits zugenommen. Furchtbar wurde die Lage aber erst, als Hoffmann Truppen und Freikorps (Weiße Armee) rief, um wieder die Macht ausüben zu können. Es wurde nicht nur gekämpft, sondern von Seiten der Weißen hemmungslos gemordet (ab 1. Mai 1919). Obwohl danach wieder der Parlamentarismus in Bayern am Ruder war, konnte sich der Rechtsextremismus bis hin zum Nazionalsozialismus ungehindert ausbreiten. Die verschiedenen Geschichts-Stationen erzählen mit Fotos, Originalfilmen (!), Plakaten, Uniformen, aber auch mit Computer, Leucht-Infos, Dokumenten, Biografien, Zeitungen und Kulissen, welche politischen Ideen und Ideale herrschten, wie die Stimmung angeheizt und mit welchen Hetzparolen schließlich tiefer Hass geschürt wurde.

Im Literaturhaus kommen natürlich die Schriftsteller nicht zu kurz. Kaum eine Revolution wurde so intensiv von ihnen begleitet. So begegnet man Ernst Toller, Erich Mühsam oder Gustav Landauer.

Bis 22. Februar 2009

Tel. 089/ 29 19 340, Begleitheft: 5 Euro.

Simone Dattenberger

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