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Das Theater des jungen serbischen Regisseurs Milos Lolic ist frei von Illusion.

"Bluthochzeit" am Volkstheater: Im Sog des Rhythmus

München - Milos Lolic inszenierte zur Spielzeit-Eröffnung am Volkstheater García Lorcas „Bluthochzeit“ als Versuchsanordnung.

Vielleicht zockt Christian Stückl ja gern und liebt das Spiel mit ungewissem Ausgang? Dass er vertrauen kann, ist jedenfalls offensichtlich: Wie sonst könnte er die Spielzeit-Eröffnung an seinem Münchner Volkstheater dem jungen Milo(s) Lolic überlassen? Der Regisseur, 1979 in Belgrad geboren, hat bislang noch an keinem Theater außerhalb des ehemaligen Jugoslawien gearbeitet. Gewiss, seine Belgrader Inszenierung von Falk Richters „Gott ist ein DJ“ war vergangene Spielzeit zum „Radikal jung“-Festival ans Volkstheater geladen. Dennoch: Stückl hat die Eröffnung in die Hände eines Unbekannten gelegt. Und Milo(s) Lolic hat dieses Vertrauen nicht enttäuscht.

Seine gut einstündige Inszenierung von Federico García Lorcas „Bluthochzeit“ (1933 uraufgeführt) ist über weite Strecken eine streng komponierte, hoch-rhythmisierte Sprechoper mit wenig Schwächen und großer Sogwirkung.

Lolic verweigert sich dem Illusionstheater, ignoriert die vierte Wand: Als sich der Vorhang öffnet, gibt er nur ein kleines Stück der Bühne preis, das von einem weiteren Vorhang abgeschlossen wird. Vor diesem nehmen in einer Reihe die elf Schauspieler Platz, ihre Blicke gehen ins Publikum. Während der ersten beiden Akte werden sie ständig auf der Bühne sein. Gesprochen wird zu den Zuschauern, Blickkontakte zwischen den Figuren, Interaktionen gar, sind selten. Eine fast wissenschaftliche Versuchsanordnung hat Lolic also aufgebaut. Er braucht sie, weil ihn der Weg in die Katastrophe interessiert, diesen will er zeigen – ohne sich mit Emotionen aufhalten zu müssen. Durch den streng stilisierten Charakter der Inszenierung gelingt es dem Regisseur, fokussiert von García Lorcas Anliegen zu erzählen: Der Spanier (1898-1936) kritisierte starre Moralvorstellungen, strenge Familientraditionen, die nur standesgemäße Hochzeiten gestatten, ebenso wie das Gesetz der Blutrache: Das Messer, um das der Bräutigam seine Mutter zu Beginn bittet, um im Weinberg zu arbeiten, wird am Ende Mordinstrument sein. Die Braut, die gegen alle Konventionen und gegen die eigene Vernunft auf den Ruf ihres Herzens hört und noch in der Hochzeitsnacht mit ihrem armen Ex-Geliebten durchbrennt – sie wird am Morgen zwar noch immer jungfräulich zurückkehren, jedoch als Witwe und Ehebrecherin. Die Natur, die in García Lorcas bildhafter Sprache Symbol und Metapher ist, wendet sich hier gegen die Menschen: Das kalte Licht des Mondes liefert die Flüchtlinge ohne Gnade ihren Verfolgern aus.

Lolic inszeniert streng und wie im Sog auf diese Katastrophe hin. Dabei ist seine Arbeit ein kleines Klangwunder: Nach und nach finden die Schauspieler in einen immer treibenderen, aggressiveren Rhythmus: Sie klatschen, lassen Stuhlbeine oder die Absätze ihrer Stiefeletten auf den Bühnenboden knallen. Kleine Aktionen sind das, doch zusammengenommen erzählen sie viel über diese Geschichte. Was zunächst verhalten beginnt, steigert sich wie im Wahn in den Flamenco-Wirbel des Hochzeitsfests, überlagert oft das gesprochene Wort.

Mit der Verfolgung des fliehenden Liebespaares im dritten und letzten Akt löst sich Lolic von seiner stringenten Versuchsanordnung, er reißt die Bühne bis hin zur Brandmauer auf. In Nebel und Zwielicht sitzen Braut (Kristina Pauls), ihr Geliebter (Oliver Möller) und ihr Bräutigam (Robin Sondermann): Der Regisseur weigert sich, den Wahnsinn der Blutrache zu zeigen. Er scheint allen Bildern zu misstrauen und lässt seine drei Schauspieler stattdessen einen akustischen Albtraum lostreten – mit kreischender Gitarre, verzerrten Stimmen, wüsten Schlägen aufs Mikrofon und schier unglaublichem Hall. Fürchterlich laut ist das – und trotzdem fürchterlich nichtssagend. Ärgerlicher, aber auch einziger Schwachpunkt eines sonst gelungenen Spielzeitauftakts.

Christian Stückls Vertrauen hat sich ausgezahlt.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 13., 14. und 30. Oktober; Telefon 089/ 523 46 55.

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