Blutige Komik

- Während in Brüssel mit allen vorhersehbar verzögernden Komplikationen an einer EU-Verfassung gebastelt wird, lenkt das Münchner inkunst e. V.-Kollektiv von Halle 7 unter dem hintersinnig-utopischen Motto "Europa. Sehnsucht" schon mal den Blick auf das, was da an nationalen Verschiedenheiten, politischen Energien und Explosivstoffen zusammenwachsen soll. Die Reihe (bis 15. Juni) mit Autoren aus sechs europäischen Ländern startete soeben furios mit Martin McDonaghs irischer Terroristen-Farce "Der Leutnant von Inishmore".

<P>Das können nur die Iren selbst: ihre blutige Geschichte so brutal grausam an der Realität und zugleich mit so viel Komik kathartisch aufarbeiten. Und McDonaghs paradox gemixten Gefühlston hat Regisseur Mario Anderson wunderbarerweise genau getroffen in dieser fettfleckigen Windschiefbude (Beate Voigt) im Arme-Leute-Inishmore. Dort hat ein Trio einer IRA-Splittergruppe Padraics schwarzem Kater das Hirn weggeschossen - um den in Nordirland eigenmächtig nochmals absplitternd wollenden Besitzer zur Raison zu rufen. Leutnant Padraic (Thomas Zug), gerade dabei, einem Drogen-Dealer die Zehennägel auszureißen - das Opfer hier kopfüber am Flaschenzug! - eilt heimwärts. Damit ist das Szenario perfekt für falsche Beschuldigungen - der Katzenkill wurde dem jungen Davey (David Blaacke) untergejubelt -, für kaltblütiges Niedermetzeln.</P><P>Furiose Terroristen-Farce mit irischem Irrwitz<BR><BR>Ein Szenario authentisch aus dem Irland der 70er/80er-Jahre. Bei drastischer Arbeitslosigkeit und dem Verfall der gesellschaftlichen Ordnung degenerierten die einstigen Befreiungsideale der IRA zum Machtgerangel von Stadtteil-Warlords. Die Story um den gekillten Kater, der zwecks Mord-Vertuschung von Davey und Padraics Vater Donny (Titus Horst) durch einen orangefarbenen, mit schwarzer Schuhwichse angemalten Fremdkater (haha . . .) ersetzt wird, ist die Abstrus-Metapher für die abstrusen Monstrositäten der damaligen irischen Situation. Der Kleinkrieg von Inishmore gipfelt im allgemeinen Abknallen und in der Entsorgung der Leichen. Wie Davey und Donny schweißtriefend die physikalische Zerkleinerung vornehmen, während Padraic gerade seine Terroristenbraut (Natalie Hünig) küsst, da wird einem, mit ersticktem Lachen im Hals, gleich noch mal deutlich, wie weit menschliche Fühllosigkeit gehen kann. Gespielt wird bitterernst, saukomisch - einfach blendend. </P><P>Bis 3. 5., 089/ 53 29 78 29. </P>

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