Blutiges Strategiespiel

- Giftig rot hat sich der Himmel über Worms verfärbt und verheißt nichts Gutes. Als habe er nach dem bleiernen Ritterrüstungsgrau des Tages die passende Garderobe angelegt für das blutige Spektakel des Abends, das vor der ungerührt imposanten Domkulisse stattfindet. Die Nibelungenfestspiele zeigen in ihrem dritten Jahr nicht wie bisher Moritz Rinkes Neudichtung, sondern Friedrich Hebbels Version des Epos über die sagenhaften Helden der Brachialpolitik und Lügenstrategien: Die traurige Geschichte von Siegfried, der zum Dank für seine Hilfe bei der Werbung um die Riesin Brunhild vom eifersüchtigen Hagen gemeuchelt wird. Und von Siegfrieds Frau Kriemhild, die dem falschen Freund Hagen Rache schwört und die sie nach taktisch kluger Heirat mit dem gefürchteten Etzel gnadenlos übt, bis der Letzte ihres eigenen Burgunder-Geschlechts tot ist.

<P>"Ein Trauerspiel", dessen Attribut "deutsch" von Regisseurin Karin Beier und Joachim Lux - beide verantwortlich für die klug gekürzte Fassung - sichtbar durchgestrichen wurde. Damit nur ja jeder merke, dass hier nicht ge-deutsch-tümelt, sich nicht in nationalen Schicksalsmythen getummelt wird. Eine unberechtigte Befürchtung, malt doch Beier in der Inszenierung lauter Ritter von der traurigsten, gewissenlosesten und hinterhältigsten Gestalt. Allein ihr fideler Siegfried bildet da eine Ausnahme: Der von Martin Lindow als schlichter Naturbursche gespielte Recke hat es nicht nötig, mit König Gunther um sein Reich zu kämpfen. Nur Kriemhild fehlt ihm noch zum Glück. Er ist der Einzige, der ehrlich spricht, ohne Trumpfkarten für Intrigen aufzusparen. Der Einzige, der mit seinem Gewissen hadert, als es um den zweiten Betrug an Brunhild geht. So etwas lässt die Burgunder Verdacht schöpfen. So einer behindert ihr abgefeimtes Spiel allein durch sein unbedachtes Plaudern. Karin Beier macht auch Siegfried nicht zum Helden. Der Stärkste war zu schwach, um dem Treiben der Burgunder Einhalt zu gebieten. </P><P>Der Dom - eine kunstvolle Fassade mit im Dunkeln beschönigend leuchtenden Fenstern. Gerechtigkeit und Menschlichkeit aber müssen irgendwo hinter diesen dicken Mauern eingebunkert sein. Der Hofstaat, der heuchlerisch durchs Portal zur Messe schreitet, er hat alles vergessen, wenn er auf die Bühne des weltlichen Geschehens zurück kehrt. Diese ist ein Thronsaal, wandelbares Spielbrett für Schlachten aller Art. Jens Kilian hat ihr für Brunhilds eisiges Reich eine gleißend weiße Oberfläche gegeben. Zu Worms entpuppt sich darunter spiegelglatter Marmor mit tückischen Versenkungen und Wasserbecken, in denen sich Brunhild und Kriemhild die nassen Fetzen um die Häupter schlagen. In den beiden Frauen manifestiert sich der schwache, unterdrückte Wille, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen - zentrales Thema dieser Inszenierung.</P><P>Rächerin und Barbie-Puppe</P><P>Maria Schrader vollzieht erst langsam, dann immer unerbittlicher die Wandlung vom fröhlichen Rüschen-Prinzesschen, über die Gedemütigte, die "Gericht" fordert, bis hin zur Rächerin, die ihre Ohnmacht in pure Gewalt eskalieren lässt, aber weiß, jetzt macht sie es wie die Ritter: "Ich bin in allem nur ihr Widerschein." Brunhild, aus einer fremden Welt mit verbindlicheren Regeln herausgerissen, würde sich dem System in Worms unterordnen, wenn sie Vertrauen entwickeln könnte. Der Betrug an ihr verbietet das. Als entkräftete, sich selbst entfremdete Barbie-Puppe stakst Wiebke Puls zuletzt einher. Joachim Król, eher etwas verloren auf der Theaterbühne, gibt einen lächerlichen König Gunther. Sein Papp-Zacken-Hut hat so gar nichts gemein mit der elegant geschwungenen Krone, die als Wappen auf Thron und Mantel prangt. Anspruch und Wirklichkeit - sie klaffen auseinander wie die scheinheiligen Treueschwüre der Nibelungen und ihre notorischen, das Recht verdrehenden Treuebrüche. Denn Hagen, wunderbar dreist von Manfred Zapatka gespielt, ist hier nur der Organisator des Bösen. </P><P>Alle sind sie gern seine Helfershelfer. Beim Meuchelmord sorgen sie dafür, dass der tödliche Hieb die bezeichnete Stelle auch ja trifft. Das alles ist Beier so schlüssig gelungen, dass ihr Gag-Gewitter, mit dem sie aus dem Pausenloch kommen will, verwundert. Michael Wittenborns Stoiber-Parodie als Markgraf Rüdeger entzieht dem Strategiespiel an dieser Stelle die Ernsthaftigkeit und Bedrohlichkeit. Die wild-exotische Ausstattung des Hunnenreiches tut ihr Übriges dazu. Erst bei der Schlussszene, als Kriemhild Essensreste in sich hineinfrisst, während Burgunder und Hunnen einander den Garaus machen, ist das vorherige Niveau der Inszenierung wieder erreicht. Kein Tropfen Theaterblut muss vergossen werden - nur aus den Trommeln der Hunnen spritzt es rot heraus - und dennoch gerät diese Szene zum fürchterlichsten Bild: vom Ende einer Politik, die nicht schicksalsgewollt, sondern mit Strategie über Leichen ging.</P>Bis 28. August, Tel. 0180/ 533 71 71.

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