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Vampire entspannen: Enlil (Andrej Kaminsky, M.) führt die Neulinge Rama (Justin Mühlenhardt) und Hera (Anika Baumann) in die Zunft der Blutsauger ein.

Blutsauger ohne Biss

München - Mareike Mikat interpretiert Viktor Pelewins Vampirroman "Das fünfte Imperium" am Volkstheater allzu harmlos.

War was? Es ist ja nicht so, dass der Moskauer Autor Viktor Pelewin mit seinem Vampirroman „Das fünfte Imperium“ Literatur geschaffen hätte, die ganz besonders aufrüttelt, weil sie gesellschaftliche Zusammenhänge scharf analysiert. Doch gar so harmlos, wie Regisseurin Mareike Mikat die Bühnenadaption des Buchs jetzt im Münchner Volkstheater inszenierte, ist diese Geschichte ebenfalls nicht.

Die gut zwei Stunden lange Uraufführung ist – um im Bild zu bleiben – übervoll und doch blutleer. Der Grund: Mikat hat sich, als sie ihre Fassung des gut 400 Seiten starken Romans erstellte, vor allem auf die Vampirwerdung des Moskauer Prolls Rama (Justin Mühlenhardt) konzentriert. Das liegt zwar nahe, da diese Schauwert hat. Doch der allein ist auf Dauer ermüdend, weil nichtssagend. Autor Pelewin dagegen nutzt in seinem Buch jene fantastische Handlung für eine Abrechnung mit der postsowjetischen Gesellschaft. Diese erzählt er in inneren Monologen, Rückblenden und theoretisierenden Dialogen.

Ohne Pelewin nun überschätzen zu wollen: Doch etwas mehr Substanz, als Mikat auf der Bühne zeigt, steckt schon in seinem Roman. So lässt sich „Das fünfte Imperium“ etwa als Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung lesen. Mikat dagegen blendet diesen Aspekt bis auf eine Ausnahme aus: In der stärksten Szene des Abends hängen die Vampir-Neulinge Rama und Hera kopfüber bei Enlil, dem Koordinator, also dem Chef, der Vampire.

Die Regisseurin eröffnete 2009 das Festival „Radikal jung“

Von ihm erfahren sie, dass ihre Gattung schon lange nicht mehr das Blut der Menschen saugt, sondern „ein sehr viel weiter entwickeltes Medium menschlicher Lebensenergie. Das Geld!“. Aus dieser Aussage des Romans hätte sich – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise – ein wirklich spannender Theaterabend entwickeln lassen. Doch die 1978 geborene Regisseurin, die sich im vergangenen Jahr mit ihrer Leipziger Inszenierung „Juli“ im Rahmen des „Radikal jung“-Festivals erstmals am Volkstheater vorstellte, scheint keine eindeutige Haltung zu ihrem Stoff gefunden zu haben: Ernste Analyse oder Parodie? Daher gibt es neben jenen seltenen, konzentrierten und guten Momenten eben auch jede Menge Szenen, in denen Mikat ihre fünf Schauspieler herumalbern, schmatzen, fauchen und die bekannten Untoten-Darstellungen (von „Nosferatu“ bis „Night of the Living Dead“) persiflieren lässt.

Marie Roths übervolle Ausstattung der Bühne, von deren Decke auch Papierfledermäuse an Bindfäden schweben, verstärkt den Eindruck eines harmlosen Kinderfaschings. Weniger wäre hier in der Tat mehr gewesen. Dann hätten es auch die Schauspieler einfacher gehabt, sich in dieser Inszenierung zurechtzufinden. Von den fünf bleibt vor allem die Leistung der beiden Gäste – Anika Baumann als wunderbar zynisch-grausame Vampirfrau Hera und Andrej Kaminsky als durchtriebener Vampirkoordinator Enlil – in Erinnerung: Hoffentlich auf bald in München?! Was war also? „Das fünfte Imperium“ ist ein Theaterabend, der durchaus seine unterhaltsamen Augenblicke hat. Doch die Vorlage wurde leichtfertig verjuxt. Und das ist schade.

Nächste Vorstellungen
am 24. Juni 2010 und 2. Juli 2010
Telefon 089/ 523 46 55.

Michael Schleicher

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