Boarisch auf Bali

München - Das Münchner Opernstudio bringt Martinůs unbekannte Komödie „Mirandolina“ heraus. Ein Besuch vor der Premiere.

„Is jemand doa?“, scherzt Joshua Stewart, der baumlange Tenor aus den USA, und grinst Christian Stückl frech an. „Chi è di la?“ heißt es natürlich im Original, aber wenn der Münchner Volkstheater-Chef inszeniert, dann ist auch auf der Bühne des Opernstudios „Boarisch“ Amtssprache. Vermischt mit Englisch, der Umgangssprache der kleinen internationalen Sängertruppe und dem Italienisch eines Carlo Goldoni. Von diesem gefeierten venezianischen Komödienschreiber stammt „La Iocandiera“, jene muntere Verwicklungs-Story, die der böhmische Komponist Bohuslav Martinů 1954 in Nizza als „Mirandolina“ in Töne setzte.

Mit dem selten aufgeführten Werk präsentiert sich das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper ab dem 30. April im Cuvilliéstheater. Während der alte Theaterhase Christian Stückl mit seinem Bühnenbildner Stefan Hageneier für die Szenerie sorgt (aus dem italienischen Wirtshaus wurde kurzerhand ein balinesisches Hotel), kümmert sich ein blutjunger Dirigent um die musikalischen Belange: Alexander Prior ist gerade mal 21 Jahre alt, stammt aus England und hat zu seinen sechs Sprachen im vergangenen halben Jahr rasch noch so viel Deutsch gelernt, dass er auf den Proben zwar noch nicht die heimliche Amts-, aber doch die Landessprache spricht. Prior hat bereits mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zusammengearbeitet und an der Leipziger Oper „La traviata“ dirigiert.

Wer nun grub „Mirandolina“ aus, diese von den Opernhäusern vergessene italienische Gastwirtin? Henning Ruhe, der Leiter des Opernstudios, bekennt sich zur Wahl und führt allerhand gute Gründe dafür ins Feld. „Bei unseren Recherchen fahndeten wir nach einem Ensemblestück, das spannend ist und dessen Personage keine allzu großen Altersunterschiede aufweist“, sagt Ruhe. „Es musste zu unseren jungen Sängern passen und für sie zu bewältigen sein. Außerdem sollte das Orchester relativ klein besetzt sein und wenig Chor verlangt werden.“

Wer also nicht jedes Jahr Mozarts „Così fan tutte“ strapazieren will, muss sich auf die Suche machen. „Mirandolina“ erblickte das Bühnenlicht zunächst nur in Prag, wurde dann auch in Tschechien herumgereicht, tauchte aber in Deutschland zunächst nicht auf. Doch, wie es der Teufel will, schnappte das Stadttheater Gießen dem Münchner Opernstudio die Deutsche Erstaufführung weg und präsentierte Martinůs Oper genau vier Wochen früher, am 30. März. „Aber das hat auch sein Gutes“, schmunzelt der seinerzeit nur kurzzeitig verärgerte Henning Ruhe: „Die Rechte sind für uns jetzt preiswerter.“

Er erzählt, dass „Mirandolina“ bereits 2004 beim Wexford Festival in Irland reanimiert wurde und dass die dort aufgenommene CD eine „schöne Inspiration“ darstellte. Eine weitere kam aus Holland, wo 2011 eine kleine Compagnie sich an das Opus wagte und ihre eigene Kammermusik-Fassung mit 17 Instrumentalisten zimmerte.

„Der verschlankte Klang kommt Martinů sehr entgegen. Er ist energetisch, lebendig und passt vorzüglich zur intimen Motorik“, schwärmt Ruhe, der sich über seinen Fang aus den Tiefen des Repertoires freut.

„Mirandolina“ bietet allen Studiosi die passenden Rollen: Mária Celeng und Elsa Benoit alternieren in der Titelrolle, Andrea Borghini gibt als Cavaliere den Frauenhasser, der Mirandolina fasziniert. Yulia Sokolik und Rachael Wilson übernehmen die Partien der Ortensia und der Deianira. Als geldiger Conte umschwärmt Joshua Stewart die Wirtin, dem Matthew Grills als Fabrizio die Drinks serviert. Rivalen in der Partie des ebenfalls verliebten Marchese sind abwechselnd Leonard Bernad und Rafal Pawnuk. Den Servitore singt Petr Nekoranec.

Diese kleine internationale Sängerschar hat es geschafft, die begehrten Plätze im Opernstudio zu ergattern. Henning Ruhe und sein Kollege Tobias Tuniger kämpfen sich jährlich durch die 600 eingeschickten CDs und wählen 50 bis 60 Kandidaten zum Vorsingen aus. Die neun Glücklichen werden zwei Jahre lang intensiv betreut, mit Gesangsstunden, Rollenstudium, Schauspiel- und Sprachunterricht. Neben den Aufführungen des Opernstudios werden kleine Rollen auf der großen Bühne offeriert – mit richtigem Vertrag. Private Förderer übernehmen zusätzlich Patenschaften für die jungen Sänger. Und die dürfen nun beim waschechten Oberammergauer Christian Stückl sogar „Boarisch“ lernen.

Gabriele Luster

Premiere

am 30. April im

Cuvilliéstheater;

Telefon 089/ 2185-1920.

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