Böll oder Busen

- Wenn einer - endlich auf die Kuschel-Couch und küssenderweise an den Busen der Freundin gelangt - sich von Heinrich Böll im Radio ablenken lässt, dann stimmt irgendetwas nicht. Und so weiß der Leser schon seit dieser Szene in Wilhelm Genazinos neuem Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman", dass Gudrun nicht die Frau ist. Die Hauptfigur, ein ausgesprochen literaturnarrischer Jüngling, bleibt aber nicht auf Dauer keusch.

<P>Beim Betriebsausflug - immer gut für erotischen Erfahrungsaustausch - mit der ungeliebten Speditionsfirma entdeckt der Lehrling Weigand an Frau Kiefer naturnahe Reize, die Bücher so doch nicht bieten können.</P><P>"Ich sah auf mein <BR>Frühstück herunter und<BR>wartete auf das Aufzucken<BR>des ersten Wortes."<BR>Wilhelm Genazino</P><P>Genazino erzählt von einem Schriftstellerdasein im quasi pränatalen Stadium. Ein Bursche, der seit Jahren nicht nur viel liest, sondern auch schreibenderweise aktiv ist, schmeißt das Gymnasium und wird von seiner sorgenvollen Mutter in der erwähnten Spedition untergebracht. Der Trostlosigkeit der Lehrlingsexistenz entrinnt der Ich-Erzähler, indem er gleichzeitig als Lokalreporter für das Regionalblatt arbeitet.</P><P>Er, der bereits in diversen Gazetten Kurzgeschichten untergebracht hat, verfasst die gewünschten Artikel von der "Italienischen Woche" im Kaufhaus über die Rex-Gildo-Autogrammstunde bis zur Eröffnung der Minigolfanlage schnell und routiniert. Das Doppelleben zahlt sich nicht nur finanziell aus - am Schluss gibt's immerhin die Wohnung, wenn sie auch nur ein winziges Appartement ist -, sondern auch mental. Weigand beobachtet, schildert, reflektiert unentwegt. Er sammelt Erfahrung und Selbstvertrauen. Und er trifft Menschen, die ebenfalls literarisch arbeiten.</P><P>Unter den Journalistenkollegen tummelt sich die Spezies derer, die ständig von ihrem großen Roman reden: Der kommt aber nie zustande. Auch Linda gehört zu ihnen. Mit ihr kann Weigand diskutieren, sich einerseits einer Art Literaturszene nahe fühlen; andererseits wird ihm durch ihren Selbstmord noch deutlicher als durch die saufenden Möchtegern-Poeten vor Augen geführt, wohin die künstlerische Selbsttäuschung führt. </P><P>Genazino, ein geduldiger Schöpfer, lässt den Schriftsteller-Fötus langsam reifen. Mit einem mehr als feinen, ja schon filigranen Humor schildert er das Tragikomische seines jugendlichen Helden, dessen Reise in die Kunst und insbesondere seiner Umwelt: das trübe "Elterngerümpel" mit der vom Vater zerriebenen Mutter, die menschenverachtende Arbeitswelt in der Spedition, durch die sich Weigand jedoch geschickt schlängelt, die Café´s mit den sich drehenden Torten-Truhen, die kalte Routine der Zeitungsleute, der Fischkopf, der aus der Einkaufstasche lugt.Mit Liebe zum Kleinen, Unscheinbaren werden sie ausgemalt, die Szenen des Alltags, der das Leben manchmal wärmt, manchmal erstickt. </P><P>Der junge Poet, aus dessen Perspektive alles wahrgenommen wird, kontrolliert bei allem auch sich, seinen Blick, seine Wertung. "Ich saß da und konnte mich nicht von der Idee meines Hochmuts befreien. Möglicherweise war ich nur ein kleiner Stadtaffe, der unauffällig seine Ressentiments ausleben wollte." Erst nachdem dieser Bewusstseinsstand erreicht ist - und hierin steckt Genazinos liebende Weisheit -, setzt die Geburt des Schriftstellers ein. Er kann sagen: "Die vielen Details um mich beglückten mich . . . Ich zweifelte nicht, dass ich mich in einem ungeschriebenen Roman bewegte. Ich sah auf mein Frühstück herunter und wartete auf das Aufzucken des ersten Wortes."</P><P>Wilhelm Genazino: "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman". Carl Hanser Verlag, München, Wien. 160 Seiten, 15,90 Euro. <BR><BR></P>

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