Böse schillerndes Zauberland

- Irgendetwas ist da falsch bei diesen scheinbar niedlichen Mädchen. Der Kleinen mit den zwei lustigen Zöpfen steht nicht nur das Wasser bis zur Nase, sondern auch ihre Augen verraten etwas Argwöhnisches. Das eine weit geöffnet mit strahlender Iris scheint das bunt kristallisierende Wasser zu reflektieren. Das andere aber ist grün, leer, halb geschlossen. Was ist da los? Taucht das Mädchen auf oder unter, freiwillig oder nicht? Was passiert in diesem Traumland, das sich Judy Garland 1939 im Film "Wizard of Oz" eroberte. Als Dorothy flüchtete sie aus dem tristen Kansas in die Zauberwelt. Als Mischung aus japanischem Comic und vielschichtigem Spiel mit der Oberfläche kehrt sie nun in die Malerei zurück. Yoshitomo Nara und Hiroshi Sugito aus Japan haben sich für ihr Gemeinschaftsprojekt einen Sommer lang in Wien zusammengeschlossen und Gegenständliches und Abstraktes mit einer undefinierbaren Magie aufgeladen.

<P>Das Ergebnis, in der Münchner Pinakothek der Moderne präsentiert, ist in mehrfacher Hinsicht eine Reise in eine andere Welt. 1986 kam der damals 16-jährige Sugito aus New York zurück nach Japan und nahm Zeichenunterricht beim elf Jahre älteren Nara. Sugito hat sich weiterentwickelt zu einem Meister der Zwischentöne und des Kolorits, der seine Farbvorhänge für das Ungreifbare hebt. Nara greift dagegen auf die glatten, reduzierten Manga-Figuren zurück bei seinen Kürzeln für eine gar nicht so heile Kinderwelt. Verbissenheit und Trauer statt seliges Lächeln. Nara, der inzwischen in Düsseldorf studierte, holte seinen Freund dann für das Wiener Stipendium.</P><P>"Over the Rainbow" heißt die Neubelichtung des Märchens: Die Heldin ist schmal, schulterlos, mit leicht verkniffenem Mund und starrem, aber zwiespältigem Blick. Sie schaut böse aus einem bösen Hauskisten-Käfig heraus. In der Nacht taucht sie wieder bis zur Lippe in düsteres Braun unter. "Regentropfen" nennt sich die Version, in der sie vor einem hauchfeinen, bunten Maschendrahtzaun die Welt traurig anschaut, sie selbst ein einziger schillernder Farbtropfen am Ende eines nicht mehr genehmigten, poetischen Traumes.</P><P>Schließlich bleiben nur die Augen, die mit wilden Farbstrudel und changierenden Lichtern, mal animalisch, mal verschwommen, eine Ausflucht verheißen. Aus einer Bretterhütte, einem Alltagsverschlag heraus betrachtet, wird die hintergründige Inszenierung zu einer neuen, fast politischen Dimension von Kinderbildnis. </P>Bis 13. Februar, Katalog 24 Euro, Tel. 089/ 23 80 50.

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